Corona-Phase II: Isolationshaft im Wohnzimmer

Corona-Phase II: Isolationshaft im Wohnzimmer

Last Updated on 2020-04-24

Brigitta Schwarzer

Menschen brauchen Gesellschaft – nicht nur beim Warten vor dem Baumarkt.

Es ist sehr zu begrüßen, dass in Österreich am 14. April coronamäßig Phase II begonnen hat und viele Geschäfte wieder geöffnet sind. Das bringt zumindest ein Stück Normalität und die Wirtschaft kann sich hoffentlich langsam erholen.

Wir alle haben mittlerweile Händewaschen und Abstandhalten total verinnerlicht und so stehen wir geduldig mit dem Einkaufswagen vor dem Baumarkt. Von dort bringen wir nicht nur Blumenerde und Pflanzen mit, sondern auch gute Stimmung, die sich auch auf unsere Mitmenschen überträgt. Für Menschen, die allein leben, bietet ein bisschen Shopping eine besonders willkommene Abwechslung.

Mehr Singles als Oberösterreicher

In Österreich gibt es laut aktuellen Statistiken knapp 1,5 Millionen Alleinlebende – vom überzeugten Single bis zu einsamen Witwen und Witwern. Die Zahl der Einpersonenhaushalte entspricht damit in etwa der Bevölkerungszahl von ganz Oberösterreich.

All diese Menschen sind von der per 16. März geltenden Einschränkung der Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum besonders betroffen. Der faktische Zwang zur Selbstisolation bedeutet für die Bewohner von Einpersonenhaushalten nämlich den Abbruch jeglicher persönlichen Kontakte und Begegnungen, die nicht berufsbedingt sind bzw. der Hilfeleistung für andere Personen oder dem Einkaufen dienen. Ein Spaziergang z.B. im Wald oder im Park ist daher maximal mit Hund (sofern der Vierbeiner mit dem Besitzer im gleichen Haushalt lebt) erlaubt, nicht aber in Begleitung anderer Personen.

Man muss kein ausgewiesener Verfassungsjurist sein, um zu erkennen, dass dieser Einschränkung nicht nur die Verhältnismäßigkeit fehlt, sondern dass sie schlicht und ergreifend menschenunwürdig ist. Mit dem Kontaktverbot wird völlig unschuldigen Menschen – auch wenn sie weder coronainfiziert noch -verdächtig sind – ihr Recht auf persönliche Freiheit auf unmäßige und anmaßende Weise genommen. Nicht umsonst gilt Isolationshaft als besonders grausam.

Deutsche dürfen zu zweit spazieren

An das offizielle Österreich: So wichtig es ist, dass die Wirtschaft sukzessive wieder hochgefahren wird, so dringend notwendig wäre es, die geltende Kontaktsperre für Alleinlebende raschest aufzuheben, und es ihnen zu erlauben, in Begleitung einer weiteren Person (natürlich mit Abstand) im öffentlichen Raum unterwegs zu sein.

Deutschland hinkt in puncto Corona Österreich in manchem hinterher, aber zwei nicht im gleichen Haushalt lebende Menschen dürfen sich in unserem Nachbarland (mit Abstand) allemal treffen – ohne erkennbaren Einfluss auf Infektionszahlen und Todesfälle. Die österreichische Bundesregierung vergäbe sich nichts, wenn sie hier nachjustiert – ob mittels Gesetz, Verordnung oder Erlass – da wollen wir nicht kleinlich sein!

P.S.: Dieser Beitrag wurde vor der Ankündigung des Bundeskanzlers vom 21. April verfasst, dass – vorbehaltlich des weiteren Coronaverlaufs in Österreich – die Ausgangsbeschränkungen ab 1. Mai etwas gelockert werden sollen. Wir wollen hoffen, dass sich ab dann auch wieder zwei Personen, die nicht im gemeinsamen Haushalt leben, im öffentlichen Raum treffen können. Isoliert waren sie lange genug.

Bitte lesen Sie auch folgenden Presseartikel:https://kurier.at/wirtschaft/immobiz/allein-daheim-wie-es-den-menschen-in-single-wohnungen-geht/400814489