Das schleichende Vergessen

Kaum eine Krankheit wird in unserer Gesellschaft heute so tabuisiert wie Alzheimer. Das sollte sich ändern, meint der Alzheimer-Spezialist Dr. Peter Dal-Bianco und erklärt, wie wichtig Prävention und Früherkennung sind.

In Österreicher leiden derzeit rund 130.000 Menschen an Alzheimer oder einer anderen Demenzerkrankung. Jährlich werden bei uns mehr als zwei Milliarden Euro für die Versorgung von Demenzpatienten ausgegeben. Im Jahr 2050 werden bereits 280.000 Menschen betroffen sein weil die Häufigkeit der Krankheit mit steigendem Lebensalter zunimmt und die Menschen immer älter werden. Vor allem die höhere Lebenserwartung der Frauen bringt es mit sich, dass ihr Demenzrisiko höher ist als jenes der Männer. Während man über Krankheiten wie Krebs oder Herzinfarkt heute meist offen spricht, wird über Demenz im Allgemeinen und über Alzheimer im Besonderen noch immer der Mantel des Schweigens gebreitet. Selbst innerhalb der Familie, gegenüber den eigenen Kindern oder Enkeln bleiben Demenzen oft ein Tabu, niemand soll davon erfahren. Wahrscheinlich haben die Menschen vor keiner anderen Krankheit so viel Angst wie vor dem Verfall des Gedächtnisses. Das ist insbesondere dadurch zu erklären, dass es dabei um die persönliche Lebensgeschichte, die Würde der Menschen und ihre Seele geht.

Alzheimer ist genetisch bedingt

Aber nur etwa drei Prozent sind familiär autosomal dominant vererbt. Die anderen sind durch Spontanmutationen hervorgerufen. Schuld sind Eiweißablagerungen im Gehirn, sogenannte Amyloid-Plaques außerhalb der Hirnzellen einerseits und Tauproteine innerhalb der Hirnzellen. Es wird zwar seit Jahren intensiv an neuen Therapien geforscht, der große Durchbruch ist aber bisher ausgeblieben. Heilen lässt sich Alzheimer derzeit nicht, mit Medikamenten kann lediglich der klinische Verlauf gebremst werden. „Alzheimer ist genetisch bedingt“, betont Univ.-Prof. Dr. Peter Dal-Bianco, Facharzt für Neurologie und Psychiater, Gründer der ersten österreichischen Spezialambulanz für Gedächtnisstörungen an der MedUniWien und Präsident der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft. Zweitwichtigster Risikofaktor, der häufig unterschätzt wird, ist schlechtes Hörvermögen im mittleren Lebensalter. „Wer schlecht hört und deshalb Unterhaltungen nicht folgen kann, zieht sich immer mehr zurück und sitzt irgendwann nur mehr teilnahmslos da“, so der Mediziner. Wird die Hörschwäche korrigiert, kann man möglicherweise auch die Demenz hintanhalten. Das klinische Erkrankungsrisiko senken weiters körperliche und geistige Fitness, normale Werte bei Gewicht, Blutdruck und Blutzucker, gesunde Ernährung und reger Sozialkontakt.

Alzheimer ist zwar eine Krankheit des höheren Lebensalters, erste neuropathologische Anzeichen gibt es aber schon weit früher. „Die Hirnveränderungen beginnen zwei bis drei Jahrzehnte vor der klinischen Symptomatik, der Verlauf ist schleichend. Eine rechtzeitige Abklärung ist wichtig: denn es gibt auch reversible Demenzursachen. Aber auch manche Medikamente können als Nebenwirkung Verwirrung auslösen“, so Dal-Bianco.

Selbsttest ratsam

Zwar ist beileibe nicht jede Zerstreutheit oder Vergesslichkeit Alzheimer. Aber es gibt Warnsignale, also Dinge, die einen hellhörig machen sollten: Wenn man etwa dauernd seine Brille oder seine Schlüssel sucht, wenn man dem Partner Dinge mehrmals erzählt oder mehrmals dieselben Fragen stellt, in Gesprächen leicht den Faden verliert, tagsüber oft müde ist, Dinge an absurden Plätzen ablegt – etwa den Autoschlüssel im Kühlschrank – oder sich immer mehr aufschreiben muss, dann aber den Zettel nicht findet. Ratsam ist ein Selbsttest mit sechs einfachen Fragen. Unter www.dal-bianco.at findet man ihn auch auf der Homepage des Mediziners. Ist das Testergebnis okay, sollte man es aufheben und den Test alle zwei Jahre wiederholen. Früh erkannt, kann man sich auf die Krankheit und das Leben damit entsprechend einstellen und vor allem mit Medikamenten das Fortschreiten der Symptome entsprechend bremsen.

Wenn Eltern oder Großeltern an Demenz gelitten haben, ist die Wahrscheinlich größer, dass man selbst auch erkrankt. Es ist aber auch durchaus möglich, trotz der genetischen Belastung von der Krankheit verschont zu bleiben. Wer sich schon in jungen Jahren keine Namen merken kann oder laufend Telefonnummer vergisst, muss deshalb nicht befürchten, im Alter quasi automatisch an Alzheimer zu erkranken, beruhigt Dal-Bianco.

Es kann jeden treffen

Alzheimer kann jeden treffen, ob Arbeiter, Hausfrau, Manager oder Universitätsprofessor. Prominente Fälle waren etwa der frühere US-Präsident Ronald Reagan oder Großbritanniens „Eiserne Lady“, Premierministerin Margaret Thatcher. Patienten versuchen so lange wie möglich, ihr „Problem“ zu verbergen, wahren die Fassade und lügen sich dabei selbst etwas vor. „Je intelligenter jemand war, desto länger kann die Krankheit kaschiert werden. Aber wenn das nicht mehr gelingt, fällt das „Kartenhaus“ schmerzhaft zusammen“, berichtet Dal-Bianco aus seiner langjährigen Praxis.

Wer Alzheimer hat, verliert schrittweise die Sprache und die Ausdrucksmöglichkeit, es fehlen einem im wahrsten Sinn die Worte. Nach und nach verändert sich die Persönlichkeit und es geht die Fähigkeit verloren, die Aktivitäten des täglichen Lebens zu bewältigen.  

Auch Familie, vor allem Partner betroffen

Von der Krankheit ist nicht nur der Patient selbst betroffen, sondern auch seine Familie, vor allem aber der betreuende Partner (od. Nachkommen). Diese erkennen meist recht früh, was los ist, und übernehmen Aufgaben, die der Patient nicht mehr schafft – etwa Geldangelegenheiten oder Behördenwege. Angehörige sollten laut Dal-Bianco bei Verdacht auf Demenz den Betroffenen unbedingt zum Arzt oder in eine Gedächtnisambulanz bringen. Wichtig ist es auch, sich bei der Diagnose Demenzerkrankung rechtzeitig Hilfe und Verbündete zu suchen. Angehörige können sich beispielsweise in Selbsthilfegruppen mit anderen Betroffenen austauschen. Der Alzheimer-Spezialist hat die Erfahrung gemacht, dass nach der Diagnosestellung zunächst der Betroffene am meisten leidet. Wenn die Krankheit weiter fortschreitet, dann leidet er nicht mehr, die Familie aber umso mehr.

Nachdem die Diagnose festgestellt wurde, leben die Patienten im Schnitt noch acht bis zehn Jahre, aber auch 20 Jahre sind möglich. Wenn irgendwie möglich sollte es das Ziel sein, den Kranken zu Hause zu betreuen. Ganz wichtig ist es, die Würde des Patienten zu wahren. Dal-Bianco plädiert dafür, die Krankheit Alzheimer nicht länger als Tabu zu behandeln: „Man sollte darüber reden. Ein offener Umgang wäre gut für die Betroffenen, aber auch für ihre Umgebung.“ Und alle Menschen sollten das Thema ab einem bestimmten Alter für sich am Radar haben.

www.dal-bianco.at

IMG_3571 Fotocredit: Privat

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