„Soziales Gesicht“: Mehr als bloß Spenden

Der Begriff „Soziales Gesicht“ ist ein vielstrapazierter. Wirtschaftsorganisationen verwenden ihn genauso wie gemeinnützige Einrichtungen, Städte und Gemeinden sowie die Politik. Auch auf Stiftungen, die nicht rein eigennützig agieren, ist er zutreffend.

Vordergründig scheint alles klar. Sich sozial zu betätigen, heißt (vermeintlich) Gutes zu tun, etwas hergeben, ohne dafür eine gleichwertige Gegenleistung zu erhalten. Es hat etwas von Gönnerhaftem an sich, Geber und Nehmer befinden sich nicht auf Augenhöhe. Der eine gibt, ohne dass er (in den meisten Fällen) dadurch etwas vermisst, vom anderen wird (in vielen Fällen) erwartet, dass er nimmt, keine Fragen stellt und dankbar ist – egal, ob die Gabe seinem Bedarf entspricht oder nicht.

Gut, dass es Ausnahmen von diesem Verhalten gibt. Ausnahmen bestätigen die Regel und sie werden erfreulicherweise mehr. Im Bestreben, CSR-Vorgaben zu entsprechen, haben viele Unternehmen, Institutionen und Organisationen gute Ansätze entwickelt, ihr soziales Wirken bedarfsorientiert zu gestalten und zu individualisieren. Auch eine Reihe von gemeinnützigen Organisationen und Startups hat großen Anteil daran, dass der Trend weg geht vom „reinen Spenden“ hin zur konkreten Unterstützung von einzelnen Projekten und Initiativen. Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist begrüßenswert. Je mehr Vorbilder es gibt, desto mehr Follower werden auf den Plan gerufen.

Geld ist ein knappes Gut und daran wird sich sobald nichts ändern. Es ist nun einmal nur einmal da und kann nur einmal ausgegeben werden. Die türkis-blaue Regierung hat Einschnitte im sozialen Bereich beschlossen und damit Tatsachen geschaffen. Das hat grundsätzlich seine Berechtigung, da große Teile der frei werdenden Mittel in die Wirtschaft, die Innovation und die Bildung gesteckt werden. Ein Sozialstaat bedingt einen funktionierenden Wirtschaftsstandort, daran führt kein Weg vorbei.

Dennoch: In unserem Land soll niemand Hunger leiden müssen und jeder ein Dach über dem Kopf haben. Und hier breche ich nicht für diejenigen eine Lanze, die unser Sozialsystem zu ihren Gunsten ausnutzen, sondern für jene, die im Leben auf die Schattenseite gefallen sind: für Schul- und Studienabbrecher, die sich am ersten Arbeitsmarkt besonders schwer tun, für jene alleinerziehende Müttern und Väter, die im Hamsterrad des täglichen Lebens „gefangen sind“ und deren monatliche Einnahmen nicht reichen, die für ein menschenwürdiges Leben notwendigen Ausgaben zu bestreiten, und für jene Menschen 50+, die sich jobmäßig und sozial im Off befinden.

Wer stellt diesen Gruppen in einer kälter werdenden Welt ein „soziales Gesicht“ zur Verfügung? Wer gibt diesen Menschen Wertschätzung, Zukunftsorientierung und materielle Unterstützung? Wer schaut auf Augenhöhe darauf, was sie brauchen? Wer sieht sich als Gestalter eines „sozialen Gesichts“? Wer hat Mut zur Eröffnung des sozialen Dialogs?

Man kann mit wenig Mitteln Gutes tun. Wirtschaftlich erfolgreich und sozial aktiv sein ist kein Widerspruch. Unternehmerisch tätig sein heißt, soziale Verantwortung zu tragen.

Wenn wir den Menschen, die es im Leben schwer haben, Anerkennung geben, ihnen Perspektiven für die Zukunft eröffnen und sie bei der Formulierung und Erreichung ihrer Ziele mit Handlungen und Taten unterstützen, dann tut das auch unserer Seele gut.


Autorin: Dr. Brigitta Schwarzer

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