Kulturvermittlerin mit Leidenschaft und Herzblut

Kulturvermittlerin mit Leidenschaft und Herzblut

Hannah Landsmann führt Gruppen durch das Jüdische Museum Wien (JMW). Besonders wichtig ist ihr das Gespräch mit den Besuchern. Statt trockener Facts & Figures präsentiert sie lieber die Ausstellungsstücke des Museums und erzählt ihre Geschichten.

Sie macht ihren Job seit mehr als 20 Jahren mit Begeisterung: Hannah Landsmann ist Kulturvermittlerin im Jüdischen Museum Wien (JMW), seit dem Jahr 2000 leitet sie dort die von ihr aufgebaute Abteilung Kommunikation & Vermittlung. Landsmann ist in Österreich aufgewachsen, sie studierte zunächst Judaistik und Romanistik an der Universität Wien, dann absolvierte sie die Pädagogische Akademie in Wien und legte die Lehramtsprüfung für Deutsch und Geschichte ab.

Begeisterung und Leidenschaft sind ihre Motivation. Dazu kommt ein „Mix“ aus Wissenschaft und didaktischen Fähigkeiten sowie eine lebhafte und verständliche Sprache. Neben den Führungen hat Landsmann u.a. an Workshops und Ausstellungen im JMW mitgearbeitet, für dieses mehrere Audioguides erstellt und das Kinderbuch „Unterwegs mit Victoria Blitz“ verfasst. Auch außerhalb des JMW nahm und nimmt sie an diversen Workshops und Projekten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene teil.

Als Pädagogin hat sie gelernt, sich bei Führungen, von denen sie jede Woche mehrere absolviert, auf ihr Gegenüber einzustellen. Das JMW will ein Haus mit offenen Türen sein. Die Besucher sollen das Gefühl vermittelt bekommen, dass wir uns freuen, wenn sie da sind, so Landsmann. Das „Publikum“ ist bunt gemischt, es gibt Gruppen von Lehrlingen, Senioren, manchmal Museumsdirektoren, dann wieder Schüler oder Flüchtlinge. Nur wenige haben einen jüdischen Background. Landsmann versucht, sich in die Gruppe einzufühlen, um sie in ihrer Sprache anzusprechen. Gruppen mit weniger als 20 Personen sind ihr am liebsten, „dann kann ich jeden Einzelnen anschauen“.

Wie motiviert man Museumsbesucher? Landsmann hat früher Arbeitsblätter verteilt. Das macht sie heute nicht mehr, denn sie agiert viel mehr aus der spontanen Situation heraus, quasi aus dem Bauch. Dazu gehört auch, dass sie keine langen Vorträge hält, sondern die Gruppenteilnehmer reden und vor allem viel fragen lässt. „Natürlich bekommt man mit der Zeit Routine. Aber jede Führung ist anders, jede Gruppe ist anders und man muss sich eigentlich für jede Gruppe etwas Neues einfallen lassen“, so Landsmann.

Generell hat sich die Kulturvermittlung gegenüber früheren Zeiten deutlich gewandelt. Menschen frontal mit Inhalten zu konfrontieren ist „out“. Im Mittelpunkt unserer Führungen steht das Gespräch, betont Landsmann. Facts & Figures kann man heutzutage googeln. „Wir können unsere Besucher nur dann zufriedenstellen, wenn wir ihnen mehr bieten als die Online-Lexika. Wir müssen also etwas anderes machen als das, was man auf Wikipedia nachlesen kann“, meint sie. Dazu wählt sie immer wieder einen neuen Zugang, seien es Rollenspiele oder das Schreiben von Briefen an die Protagonisten hinter den Objekten im Museum. Da Landsmann viel Fantasie besitzt, fällt ihr das nicht schwer. Impulse bekommt sie außerdem von den Besuchergruppen.

Landsmann hält es für wichtig, allem einen konkreten Namen zu geben. Dann kann sich jeder darunter etwas vorstellen: „In einen realen Gegenstand kann ich mich einfühlen und Gedanken dazu entwickeln, bei etwas Abstraktem funktioniert das nicht.“ Neben ihrer Arbeit als Vermittlerin mit Besuchern hat sie ein Ziel vor Augen: Sie möchte die Tagebuchbestände, über die das JMW verfügt, transkribieren und aufarbeiten. Arbeit hinter den Kulissen.

Die Themen, um die es im JMW geht, sind nicht einfach. Auch wenn das Museum kein „Holocaust Memorial Museum“ ist, der Bezug zur Schoa ist immer da.  „Ich möchte Schülern Juden nicht nur Opfer, sondern als Menschen vermitteln. Mädchen und Jungs in ihrem Alter. So kann man eine Beziehung herstellen und Erinnerung wecken“, betont sie. Man muss Geschichte anders darstellen. Man muss Geschichten erzählen. Sie hält es dabei mit Aleida und Jan Assmann, einer Literaturwissenschaftlerin und einem Ägyptologen, die sich auf die Suche nach der Erinnerungskultur begeben haben. Ihr Fazit: die Erinnerung haftet am Dinglichen. „Deshalb erzähle ich Geschichten und vermittle auf diese Weise Kultur und Geschichte“, sagt Landsmann. Die Inhalte werden natürlich altersadäquat dargeboten, für Volksschüler sind es andere Themen als für Teenager oder Erwachsene. Stationen des Lebens, die jüdischen Feiertage werden behandelt, es wird über das Leben gesprochen. Die Schoa kommt dann schon, am besten unvermittelt über eine Frage zu einem Objekt aus der Zeit. Aus der Vergangenheit, die in die Gegenwart reicht.

Im JMW gibt es auch Führungen für Flüchtlingsgruppen. Mit ihnen hat die engagierte Kulturvermittlerin durchwegs gute Erfahrungen gemacht. Manchmal muss man eine Pointe wiederholen, bis man verstanden wird. Man lernt miteinander zu reden. Und man lernt zuzuhören.

Die Sprache und das gesprochene Wort gehen Landsmann über alles. Neben einer gepflegten hochdeutschen Umgangssprache verwendet sie auch den Dialekt. „Ich passe meine Sprache situativ an und versuche dabei, auch die Sprache der Gruppe zu sprechen“, betont sie. Um Nähe entstehen zu lassen, bietet sie allen Gruppen an, einander mit einem respektvollen Du zu begegnen. Manchen fällt das schwerer, manchen ganz leicht, so ihre Erfahrung.

Der engagierten Museumspädagogin, die ihre Tätigkeit mit Leidenschaft und Herzblut ausübt, war noch selten langweilig, ihr ist immer etwas eingefallen. Und sie hofft, dass ihr die Ideen nie ausgehen werden. „Es war mein unbedingter Wunsch, in diesem und für dieses Museum zu arbeiten. Ich mache diesen Job vor allem mit Herz und Empathie und kann mir gar nichts Besseres vorstellen.“ Landsmann ist für kreative Einfälle und Lehrmethodik zuständig. Um Budgets, Geschäft und Verwaltung muss sie sich nicht kümmern. „Gut so“, meint sie schmunzelnd.

 

Website Jüdische Museum Wien: www.jmw.at

Autorin: Dr. Brigitta Schwarzer, MBA


@Lukas Pichelmann, JMW