Sie wächst: Wir brauchen einen nationalen Aktionsplan gegen Einsamkeit

Sie wächst: Wir brauchen einen nationalen Aktionsplan gegen Einsamkeit

Last Updated on 2025-11-06
standard.at / Karin Bauer, 27.10.2025

Immer mehr Junge und Senioren sind einsam und haben kaum soziale Kontakte. Das geht uns alle an und erfordert bundesweit strukturelle Maßnahmen

Hinter all den großen akuten Themen wie der neuen Kriegsgefahr, dem Sparzwang in Bund, Ländern und Unternehmen, den hohen Energie- und Wohnkosten und der steigenden Arbeitslosigkeit, erhält eine stille Tragödie zu wenig Aufmerksamkeit: die wachsende Einsamkeit, die abnehmenden sozialen Kontakte vorwiegend von Jungen und bei Älteren.

Beunruhigender Trend

Laut jüngsten Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO ist jeder sechste Mensch einsam, leidet also unter dem subjektiven Gefühl, nicht die Beziehungen zu anderen zu haben, die gebraucht werden. Eine von drei älteren und eine von vier heranwachsenden Personen ist der WHO zufolge sozial isoliert, hat also objektiv nicht die sozialen Kontakte, die Menschen benötigen.

Auch die OECD kam kürzlich mit neuen Zahlen, wonach Einsamkeit unter Jungen und Senioren kontinuierlich wächst, soziale Kontakte ebenso anhaltend abnehmen. In der Rush-Hour des Lebens, wenn Kinder großzuziehen sind und der Job zu bewältigen ist, scheint dagegen der Stress zu dominieren.

Dass Einsamkeit das Leben verkürzt, ist nicht eindeutig belegt. Nachgewiesen ist aber, dass sie psychisches Leid und in der Folge körperliche Krankheit verursacht: Höheres Risiko für Hirnschlag, Diabetes, Depressionen, Angstzuständen und auch Suizid. Probleme in der Schule, der Ausbildung, im Job sind quasi programmiert. Das verursacht Milliardenkosten in Gesundheitssystemen und in der Betriebswirtschaft mit Ausfällen und Krankenständen.

Schlecht für die Demokratie

Zudem zeigen Studien: Wer länger einsam ist, entwickelt eine Ablehnung gegen offene Gesellschaften und verstärkt ausgrenzendes Verhalten. Das unterhöhlt pluralistische, freie Demokratien. Das löst sich – vor allem im digitalen Zeitalter – niemals von allein.

Einige Länder, wie etwa Schweden, haben erkannt, dass sie große Gegenstrategien gegen die Vereinsamung benötigen und nationale Aktionspläne ins Leben gerufen. Österreich muss sich hier dringend einreihen und einen solchen Aktionsplan forcieren.

Junge, die sich allein fühlen und nicht wissen, wohin sie mit ihrem Leben sollen und (auch demografisch immer mehr) einsame Ältere sind keine tragfähigen Säulen einer zuversichtlichen, zukunftsorientierten Gesellschaft. Das geht uns alle an. Niemand sollte jene, von denen bekannt ist, dass sie ihre Wohnung nicht verlassen, ignorieren. Man könnte mal anklopfen. Etwas vorbeibringen oder einen Flyer einwerfen, von der Spazierinitiative oder einem Treff im Jugendzentrum.

Es gibt eine Menge Vereine, die soziales Beisammensein anbieten und fördern. In den Städten gibt es Jugendzentren. Es gibt seit vier Jahren die Plattform gegen Einsamkeit, die einige Angebote bündelt und sogar ein bisschen Geld vom Sozialministerium bekommt.

Dampf machen

Ressortministerin Korinna Schumann muss allerdings Dampf machen für einen großen Aktionsplan. Da geht es weniger um Budgets von zig Millionen, vielmehr um das Etablieren von Strukturen auf kommunaler und lokaler Ebene, die niederschwellig erreichbar oder sogar aufsuchend funktionieren. Da geht es um das Einbinden Ehrenamtlicher. Gemeinden müssen Räume schaffen und einladen. Vor allem dort, wo es weder Parkbank noch Supermarkt noch ein Gasthaus gibt. Bezirke müssen sich anstrengen, ihre Einwohner aktiv zu erreichen und einzuladen. Überparteilich.

Quelle: Sie wächst: Wir brauchen einen nationalen Aktionsplan gegen Einsamkeit – Karin Bauer – derStandard.at › Diskurs