Interview: Privatmedizin zum Kassentarif

Interview: Privatmedizin zum Kassentarif

Mag. Christoph Sauermann, Geschäftsführer und Gründer des Gesundheitszentrums Mediclass, über das heimische Gesundheitswesen, lange Wartezeiten beim Arzt und die Wichtigkeit der Prävention.

INARA: Ein Unternehmens-Gesundheits-Screening überprüft die Firma auf Schwachstellen und gibt Handlungsempfehlungen zu deren Behebung. Was passiert bei einem personenbezogenen Gesundheits-Check?
Mag. Christoph Sauermann: Im Grunde das Gleiche. Es geht in beiden Fällen um eine präventive Maßnahme, eine Statuserhebung, um festzustellen, ob alles in Ordnung ist oder ob da und dort Gewohnheiten geändert werden sollten – um sich gesund zu erhalten, fitter zu werden oder ein nachhaltiges Leben zu führen. Der Gesundheitscheck hilft auch dort, wo es ein bisschen zwickt und zwackt, also ein wenig Sand im Getriebe ist, jedoch nichts Ernstes. Ein Wesensmerkmal einer prophylaktischen Untersuchung ist, dass sie vorausschaubar und terminlich planbar ist.

INARA: Und wie ist es, wenn akute Probleme auftauchen oder Risiken drohen?
Sauermann:  Dann gilt es in beiden Fällen, sofort zu handeln, nähere Untersuchungen vorzunehmen, eine Medikation zu verabreichen oder eine Operation durchzuführen. Eine plötzlich auftretende Situation kann harmlos sein, wie z.B. eine Verkühlung oder eine Magenverstimmung. Hier weiß sich der Patient in der Regel selbst zu helfen. Nur wenn er unsicher ist, geht er zum Arzt. Das sollte dann aber rasch gehen. Auch bei einer von vornherein erkennbar ernsten Krankheit ist rasche Hilfe geboten.

INARA: Wie sieht das Angebot von Mediclass im Detail aus?
Sauermann: Wir bieten in unserem Zentrum in Wien-Leopoldstadt 14 ärztliche Sparten – von der Allgemeinmedizin über die Fachbereiche Augen, HNO, Gynäkologie, Orthopädie bis zur Kinder- und Jugendmedizin. Alles unter einem Dach. Rund 60 Ärzte (meist Oberärzte) und Therapeuten betreuen unsere Kunden. Sie bekommen je nach Krankheitsfall sofort oder innerhalb von wenigen Tagen einen pünktlichen Termin bzw. bei Bedarf auch mehrere aufeinanderfolgende, wenn man z.B. gleichzeitig seine Augen oder Muttermale checken lassen möchte. Service- und Qualitätsorientierung haben bei uns einen ganz hohen Stellenwert. Nur Hausbesuche machen wir (noch) nicht. Solange die praktischen Ärzte diesen Dienst zufriedenstellend anbieten, sind Patienten bei ihrem vertrauten Hausarzt besser versorgt.

INARA: Das führt gleich zur nächsten Frage: Wie können Sie in einem Ärztezentrum Kontinuität für Ihre Kunden sicherstellen?
Sauermann: Bei einem gesundheitlich schwerwiegenden Problem, das einer raschen ärztlichen Abklärung und Diagnose bedarf, wird sich der gerade bei uns diensthabende einschlägige Arzt des Falles annehmen. Hier hat das Zeitmoment absolute Priorität und das ist ganz im Sinne der Patienten. Anders ist es in der Prophylaxe oder bei Untersuchungen, die nicht zeitkritisch sind. Hier ist der Kunde König und macht seine Arztwünsche geltend. In den meisten Fällen können wir diese erfüllen. In Urlaubs- und Krankheitsfällen geht das natürlich nicht, hier unterscheiden wir uns aber nicht von einer normalen ärztlichen Praxis mit einer Vertretungsregelung.

INARA: Wie teuer ist dieses Service?
Sauermann: Wir bieten hochwertige Privatmedizin zu besonders günstigen Preisen. Wer bei uns Kunde wird, zahlt einen Mitgliedsbeitrag und hat damit unlimitierten Zugang zu unseren Services. Die Mitgliedschaft kostet in der Variante classic 28,90 Euro pro Monat und beinhaltet auch einen jährlichen kostenfreien Premium Gesundheits-Check. Die deutlich günstigere Honorarnote des Mediclass Wahlarztes zu Kassentarifen entspricht in etwa dem, was die Krankenkassen ihren Versicherten rückvergütet. Mediclass kümmert sich auch um die Einreichung zur Kostenrückerstattung bei der Sozialversicherung. Für Firmen betragen die Kosten 265 Euro pro Mitarbeiter pro Jahr.

INARA: Wie hat Mediclass begonnen und wer hat das Ganze finanziert?
Sauermann: Wir sind ein innovatives Start-up und der Beweis dafür, dass ein Start-up nicht unbedingt in der IT tätig sein muss. Begonnen haben wir mit der Mediclass Gesundheitsclub GmbH im Jahr 2010, mittlerweile sind wir das größte Gesundheitszentrum Österreichs. Einer unserer wichtigsten Investoren ist Business-Angel Johann („Hansi“) Hansmann.

INARA: Welche Voraussetzungen müssen die Ärzte erfüllen, die bei Ihnen arbeiten? Und wären die nicht mit einer eigenen Ordination besser dran?
Sauermann: Die Ärzte, die bei uns arbeiten, müssen bestimmte Kriterien erfüllen: Sie müssen Wahlärzte sein, Kassenärzte gibt es bei uns nicht. Wir übernehmen das komplette Zeitmanagement, die Mediziner können sich deshalb ganz ihren Patienten widmen. Sie ersparen sich den administrativen Aufwand sowie die Ausgaben für Miete und Infrastruktur, die in einer eigenen Ordination anfallen würden, und verrechnen dafür nur den Kassentarif.

INARA: Wie beurteilen Sie generell die Situation im heimischen Gesundheitswesen?
Sauermann: Das Gesundheitswesen, bei dem die Politik einen großen Einfluss hat, ist in Österreich sehr ineffizient. Darauf hat der Rechnungshof ja immer wieder hingewiesen – leider ohne Erfolg. Das zeigt sich jetzt bei den Kassenärzten und in den Ambulanzen der Spitäler, wo die Wartezeiten seit einigen Jahren immer mehr zunehmen. Ich glaube, dass die Einzelordinationen mittelfristig verschwinden werden und im Sinne der Patienten und der Effizienz immer mehr Zentren wie Mediclass entstehen werden. Gerade erst wurde unser einzigartiges Konzept vom Flughafen Wien kopiert.

INARA: Gesundheitsdaten sind ja besonders heikel. Wie sicher können diesbezüglich Ihre Patienten sein?
Sauermann: Unsere Patienten bzw. ihre Befunde sind doppelt geschützt: Einmal durch den Datenschutz auf Unternehmensebene (auch schon vor der DSGVO), zum anderen durch das Ärztegeheimnis. Nur der Patient selbst bekommt seinen Befund.

INARA: Wer sind Ihre Kunden, sind das nur Leute mit dicker Brieftasche?
Sauermann: Nein, wir haben Kunden aus allen Schichten, Mindestpensionisten oder Studenten genauso wie CEOs. Es gibt bei uns auch keine Alterslimits oder gesundheitliche Einschränkungen wie bei Privatversicherungen, jeder ist willkommen. Der springende Punkt ist, wieviel jemandem seine Gesundheit wert ist.

INARA: Manche Experten sagen, dass die Österreicher zu oft zum Arzt gehen. Wie sehen Sie das?
Sauermann: In Österreich geht man zum Arzt, wenn man Beschwerden hat und dann gleich mehrfach. Man sollte aber viel mehr auf Prävention setzen. Der Gesundheits-Check, den wir anbieten und der einmal jährlich erfolgen sollte, dauert bloß zwei Stunden. Das geht schneller als die Pickerlüberprüfung beim Auto. Mediclass ist dabei nicht nur für Privatpersonen, sondern auch für Unternehmen offen. Bereits über 270 Unternehmen vertrauen auf Mediclass. Wenn Firmen ihren Mitarbeitern eine Mitgliedschaft bei Mediclass anbieten, schlagen sie zwei Fliegen mit einer Klappe: Für den Mitarbeiter ist das eine attraktive Sozialleistung, die noch dazu steuerfrei ist. Und das Unternehmen profitiert davon, wenn seine Beschäftigten nicht so lange beim Arzt warten müssen und es weniger Krankenstände gibt. Eine Mediclass-Corporate-Mitgliedschaft rechnet sich daher bereits ab einer Reduktion um einen einzigen Krankenstandstag pro Mitarbeiter im Jahr.

Website: www.mediclass.com
Autorin: Dr. Brigitta Schwarzer, MBA

Team Fotocredit: mediclass