1935-2020 / Verhüllungskünstler Christo mit 84 Jahren gestorben

1935-2020 / Verhüllungskünstler Christo mit 84 Jahren gestorben

derstandard.at, 31.05.2020

Er war die perfekte Verkörperung gelebter Fantasie und Kreativität. Die von Christo geschaffenen „Räume“ waren vergänglich, bleiben aber im Gedächtnis.

1935-2020 / Verhüllungskünstler Christo mit 84 Jahren gestorben

Mit monumentalen Installationen begeisterte der gebürtige Bulgare Millionen. Er verzierte etwa das Reichstagsgebäude in Berlin oder den New Yorker Central Park

New York – Er wollte Dinge nicht wiederholen. War der Reiz der Einmaligkeit verflogen, musste ein neues Projekt begonnen werden. Und davon verwirklichte der in Bulgarien geborene Künstler Christo gemeinsam mit seiner Frau Jeanne-Claude in der Vergangenheit unzählige: In spektakulärer Art verhüllten sie Gebäude, Monumente und zogen farbige Stoffplanen durch die Landschaft. In ihren bekanntesten Aktionen verpasste das Künstlerpaar dem deutschen Reichstag ein silbernes Kleid, stellten bunte Schirme in Japan und den USA auf und verschnürten den Pariser Pont Neuf.

Nach Jeanne-Claudes Tod 2009 arbeitete Christo an den Konzepten weiter. 2016 ließ er die aus 220.000 Kunststoffwürfeln bestehenden Floating Piers am Iseo-See in der Lombardei, zwischen Bergamo und Brescia teppichartig über dem Wasser ausbreiten. Ein Großkunstwerk, das über eine Million Besucher anzog. Sein nächstes Vorhaben wäre die diesjährige Verhüllung des Pariser Triumphbogens gewesen. Corona-bedingt musste sie aber auf 2021 verschoben werden. Nun soll das Projekt auch ohne den großen Künstler vollendet werden. Am 31. Mai 2020 verstarb Christo mit 84 Jahren in seiner Wahlheimat New York.

Prozesshaft und flüchtig

Der als Christo Vladimirov Javacheff am 13. Juni 1935 im bulgarischen Gabrovo geborene Künstler floh bereits als junger Kunststudent aus der sozialistischen Volksrepublik in den Westen und lebte in Wien, Paris und schließlich in New York. Später wurde er auch US-amerikanischer Staatsbürger.

Noch in Paris prägten ihn die Konzepte der radikalen Gruppe der Nouveau Réalistes, der beispielsweise der Künstler Yves Klein angehörte. Ende der 1950er-Jahre hatten sich er und Jeanne-Claude kennengelernt und bereits ein paar Jahre später erste gemeinsame Aktionen realisiert. Ab den 1990er-Jahren traten sie als Duo auf. Ihre Kunst wurde der Land Art zugeordnet, galt als prozesshaft, bedurfte akribischer Vorbereitung und war dabei vor allem eines – temporär. Dem später als Zauberer und Verpackungskünstler bezeichneten Christo ging es um den Prozess und das flüchtige Bestehen der Werke.

Performances ähnlich waren die Großinstallationen plötzlich da, enorm präsent und verschwanden danach wieder spurlos. Nur als Erinnerung sollen sie dem Publikum erhalten bleiben. Eben diese Flüchtigkeit war ein zentraler Aspekt: „Es ist irgendwie naiv und arrogant zu glauben, dass dieses Ding für immer bleibt, für die Ewigkeit.”

Zu diesen Prozessen gehörten auch die oft jahrelangen Vorbereitungen und Verhandlungen, die vor der Realisierung der in den öffentlichen Raum eingreifenden Kunstwerke nötig waren. Das beste Beispiel dafür war die Verhüllung des deutschen Reichstags 1995 – ein Projekt, das Christo und Jeanne-Claude bereits in den 1970er-Jahren zu planen begannen und erst 23 Jahre später verwirklichen konnten.

Im Laufe ihrer Karriere war das Künstlerpaar oft heftigem Gegenwind ausgesetzt: Die Auseinandersetzungen mit Umweltschützern, Ortsansässigen und lokalen Politikern waren im Laufe der Jahre „Teil des Spiels” geworden, befand Christo später. Unzählige ihrer geplanten Projekte blieben nur skizzierte Ideen.

Kunst muss frei sein

Auch wenn er seinen Aktionen oft keine tiefe Bedeutung zumaß und sie als „total irrational und sinnlos” bezeichnete, lag ihnen stete Kritik zugrunde. Eines ihrer Ziele war es, völlige Unabhängigkeit und somit Freiheit zu bewahren. Zusätzlich sollten ihre Werke ohne Eintritt öffentlich zu besuchen sein. So nahmen Christo und Jeanne-Claude weder Sponsorengelder noch staatliche Förderungen an, um ihre mehrere Millionen Dollar teuren Kunstwerke zu ermöglichen – sie finanzierten sich rein durch Erlöse kleiner Kunstwerke. Ihre Installationen hingegen kann niemand kaufen. Selbst als 2005 ein Finanzier über 50 Millionen Dollar für das Werk The Gates im New Yorker Central Park anbot, lehnte Christo ab: „Ich würde sie auch für 100 Millionen nicht verkaufen.”

Der subtile, Christos Werken innewohnende Protest manifestierte sich 2017 schließlich in der von ihm selbst abgesagten, seit den 1970ern und noch gemeinsam mit Jeanne-Claude geplanten Idee, den Arkansas River in Colorado mit Stoff zu überspannen.

Unter dem amtierenden US-Präsidenten Donald Trump wolle er das Projekt nicht mehr realisieren, begründete Christo seine Entscheidung. Warum solle er etwas umsetzen, woran er kein Interesse mehr habe, fragte er in einem Interview rhetorisch. Der Reiz war einfach verflogen. (Katharina Rustler, dpa, 31.5.2020)

Der Objekt- und Verhüllungskünstler Christo hat seine weltweiten Großprojekte gemeinsam mit seiner Frau Jeanne-Claude realisiert. Ausgewählte Daten und Werke:

1935: Christo wird am 13. Juni in Bulgarien geboren.

1953-1956: Studium an der Kunstakademie Sofia.

1958: Christo geht nach Paris und trifft Jeanne-Claude.

1960: Ihr Sohn Cyril wird geboren.

1961: Erstes Projekt – verhüllte Fässerstapel im Kölner Hafen.

1964: Christo und Jeanne-Claude lassen sich in New York nieder.

1968: Verhüllte Kunsthalle Bern.

1976: Running Fence – ein Nylongewebe-Zaun vom Norden San Franciscos bis zur Bodega-Bucht am Pazifik, Kalifornien/USA.

1983: Surrounded Islands – elf Inseln in Florida/USA werden mit pinkfarbenem Stoffgewebe umsäumt.

1985: Verhüllung von Pont Neuf, Paris.

1995: Verhüllter Reichstag, Berlin.

2009: Jeanne-Claude stirbt im Alter von 74 Jahren am 18. November.

2013: Big Air Package – ein 90 Meter hohes Luftpaket im Gasometer Oberhausen. Christos erstes ohne seine Frau realisiertes Projekt.

2016: Floating Piers – gelbe Schwimmkörper im italienischen Iseo-See.

2018: The London Mastaba – gestapelte Ölfässer in der Form einer ägyptischen Mastaba, die Christo in Abu Dhabi realisieren wollte, sind im Londoner Hyde Park in kleiner Form zu sehen.

2020: Jeanne-Claude und Christo planten bereits seit 1962 die Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris. Die ursprünglich für April geplante Realisierung wurde auf September/Oktober 2020 verschoben.

2020: Christo stirbt am 31. Mai mit 84 Jahren in New York.

Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000117815764/verhuellungskuenstler-christo-mit-84-jahren-gestorben