Automatisierung durch die „Gender-Brille“ betrachtet

Automatisierung durch die „Gender-Brille“ betrachtet

Last Updated on 2020-01-28

Dr. Christine Domforth

Für Frauen bietet die Arbeitswelt von morgen sowohl Chancen als auch Risken. Um die neuen Herausforderungen erfolgreich zu meistern, braucht es laut einer neuen Studie vor allem Bildung, weiters mehr Interesse für Technologie und MINT-Studien sowie eine Entlastung bei den Familienpflichten. 

Dass Automatisierung, Digitalisierung und bald auch Künstliche Intelligenz unsere Arbeitswelt massiv verändern werden, ist allgemein bekannt. Es werden dadurch einerseits Arbeitsplätze wegfallen, andererseits neue entstehen, zusätzlich werden sich bestehende Arbeitsplätze verändern. Die Experten des McKinsey Global Institute (MGI) haben das Problem nun erstmals durch die „Gender-Brille“ betrachtet. In der Studie „The future of women at work, Transitions in the age of automation“ wurde analysiert, ob Frauen stärker bzw. anders von der Automatisierung betroffen sind als Männer.

Die Studie ist breit angelegt: Untersucht wurden sowohl sechs reife Volkswirtschaften (Kanada, Frankreich, Deutschland, Japan, Großbritannien und die USA) als auch vier aufstrebende Volkswirtschaften (China, Indien, Mexiko und Südafrika). Zusammen machen diese zehn Länder rund die Hälfte der Weltbevölkerung aus und erwirtschaften etwa 60 Prozent des globalen BIP. Angenommen wird ein „Midpoint“-Szenario der Automatisierung, also eine Entwicklung ähnlich wie bei früheren technologischen Umwälzungen.

Bildung spielt Schlüsselrolle

Fazit: Das Ausmaß der Veränderung wird bei Frauen und Männern in etwa ähnlich ausfallen, allerdings in unterschiedlichen Bereichen stattfinden. Frauenberufe sind vermutlich stärker von einer teilweisen Automatisierung betroffen und weniger von einer vollständigen Verdrängung. 40 bis 160 Millionen Frauen weltweit müssen bis zum Jahr 2030 möglicherweise zwischen den Berufen wechseln, häufig in höher qualifizierte Positionen.

Um sich an die neue Arbeitswelt anzupassen, müssen sowohl Männer als auch Frauen kompetent, mobil und technisch versiert sein. Frauen sind dabei – so die MGI-Experten – allerdings mit besonderen Hindernissen konfrontiert. Sie benötigen deshalb gezielte Unterstützung, um in der Arbeitswelt voranzukommen. Gefordert sind dabei sowohl Regierungen als auch Unternehmen und die Arbeitskräfte selbst. Lebenslanges Lernen wird künftig eine absolute Notwendigkeit sein.

Eine Schlüsselrolle kommt beim Übergang auf dem Arbeitsmarkt der Bildung zu. So werden laut Studie in den reifen Volkswirtschaften nur Arbeitsplätze mit Hochschul- oder weiterführendem Abschluss neu hinzukommen. Frauen liegen was diese Abschlüsse betrifft in den Industriestaaten bereits heute gleichauf oder sogar besser als Männer. Gefragt sein wird allerdings eine noch bessere Anpassung an die Erfordernisse des Arbeitsmarkts. In Schwellenländern muss das Bildungsniveau der Frauen, das derzeit noch niedriger ist als jenes der Männer, deutlich verbessert werden, da künftig auch dort verstärkt qualifizierte Arbeitskräfte gebraucht werden, nicht aber solche mit bloß geringen Qualifikationen. Weiter stark wachsen dürfte der Gesundheitssektor, der schon jetzt von weiblichen Beschäftigten dominiert wird.

Frauen sind am Arbeitsmarkt weniger flexibel und mobil, weil sie viel mehr Zeit als Männer für unbezahlte Pflege- und Betreuungstätigkeiten aufwenden müssen – mehr als 1,1 Billionen Stunden pro Jahr, verglichen mit weniger als 400 Milliarden Stunden bei Männern. Telearbeit kann hier etwas entlasten, gefordert ist aber auch die Politik, die Mutterschafts- und Elternurlaub sowie Kinderbetreuung unterstützen sollte. Mehr Flexibilität bezüglich der Arbeitszeiten oder dem Einsatz von Homeoffice wäre auch von den Firmen gefragt. Dass die Berufswahl noch immer oft anhand von Stereotypen – „typische Frauenberufe versus typische Männerberufe“ – erfolgt, sollte zumindest hinterfragt werden. Beide Geschlechter werden beim Übergang in neue Berufe oder Sektoren Hilfe brauchen, etwa durch eine Arbeitslosenunterstützung oder durch die Arbeitsämter.

Digitale Kluft muss abgebaut werden

Derzeit besteht eine geschlechtsspezifische digitale Kluft. Männer haben weltweit mit einer um ein Drittel höheren Wahrscheinlichkeit Zugang zum Internet. In der Informations- und Kommunikationstechnologie sind Frauen extrem unterrepräsentiert. Von den MINT-Studierenden sind nur 35 Prozent weiblich, dieser Anteil – vor allem auch im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie – sollte steigen. Dafür könnten sich nicht nur die Hochschulen selbst, sondern auch gemeinnützige Organisationen engagieren. Mit Technologie – so die MGI-Experten – sollten sich Frauen generell stärker als bisher beschäftigen, um in der Arbeitswelt von morgen erfolgreich zu sein. Frauen brauchen überall Zugang zum Internet und zu Mobilfunktechnologien und insgesamt mehr digitale Fähigkeiten als heute. Und sie haben noch immer einen erheblichen Nachholbedarf beim Zugang zu Netzwerken, die bei einem Berufswechsel oder bei weiteren Karriereschritten helfen können.

Schließlich sollte auch die Finanzierungslücke geschlossen werden, mit der Unternehmerinnen konfrontiert sind. Weiters sollten Frauen ermutigt werden, Technologien zu entwickeln und auf neue Weise – etwa durch Gründung von Start-ups – zu arbeiten. Bisher fließt z.B. in den USA Risikokapital zu 85 Prozent in Projekte, die von reinen Männerteams auf die Beine gestellt werden, 13 Prozent bekommen gemischte und nur kläglich zwei Prozent weibliche Gründungsteams.

Spitzenjobs weiterhin männlich dominiert

Der Gender Pay Gap ist ein Phänomen, das weltweit zu beobachten ist. In den Industriestaaten könnte er sich bis 2030 dann leicht verringern, wenn Frauen sich die erforderlichen Fähigkeiten aneignen und den Sprung in höher dotierte Jobs schaffen. Andernfalls könnte das Lohngefälle sogar noch größer werden. Und nach Einschätzung von MGI werden auch im Jahr 2030 noch immer deutlich mehr Männer als Frauen die am besten bezahlten Jobs besetzen.

Link zur Studie: https://www.mckinsey.com/featured-insights/gender-equality/the-future-of-women-at-work-transitions-in-the-age-of-automation?cid=other-eml-ttn-mip-mck&hlkid=3691ccf0e6b5481ab097bfafad6a94dd&hctky=2986696&hdpid=5c321499-d994-436f-a97c-eb9da004d386