Eine wahre Weihnachtsgeschichte „Gibt es einen Weihnachtsmann?“

Eine wahre Weihnachtsgeschichte „Gibt es einen Weihnachtsmann?“

Last Updated on 2019-12-18

Is there a Santa Claus?” hieß die Überschrift zu einem Leitartikel, der in der Ausgabe vom 21. September 1897 der Zeitung New York Sun erschien. Das von Francis Pharcellus Church verfasste Editorial mit der darin gegebenen Antwort „Yes, Virginia, there is a Santa Claus” ist ein fester Bestandteil populärer Weihnachtsüberlieferungen in den Vereinigten Staaten und andernorts geworden.

Als ein achtjähriges Mädchen namens Virginia eines Tages im Jahr 1897 fragte „gibt es einen Weihnachtsmann“ bekam es zu hören: „Den Weihnachtsmann, den gibt’s ja gar nicht!“

„Natürlich glaubte ich an den Weihnachtsmann, er hatte mich ja noch nie enttäuscht“, erzählte Virginia O’Hanlon viele Jahre später. „Als aber weniger glückliche kleine Jungen und Mädchen sagten, es gäbe gar keinen Weihnachtsmann, wuchsen Zweifel in mir.“

Da fragte sie ihren Vater: Gibt es einen Weihnachtsmann? Der antwortete „etwas ausweichend“, wie sie sich erinnerte. In ihrer Familie war es üblich, „bei Zweifeln an historischen Fakten an die ,Frage-und-Antwort’-Kolumne der Sun zu schreiben“, erzählte sie. „Vater sagte immer: ,Wenn es in der Sun steht, stimmt es auch.“

„Ja, es gibt einen Weihnachtsmann“

Also schrieb Virginia an die Sun und fragte: Gibt es einen Weihnachtsmann? Zu den altgedienten Redakteuren der 1833 gegründeten The New York Sun zählte Francis P. Church; auf seinem Tisch landete Virginias Brief. Als führender anonymer Leitartikelverfasser nahm sich der 58-jährige Sohn eines Baptisten gerne umstrittener, am liebsten theologischer Fragen an.

Etwas versteckt, auf Seite 6 an siebenter Stelle unter den Leitartikeln, veröffentlichte die Sun am 21. September 1897 ihre Antwort auf Virginias Frage. Was Church schrieb, bewegt noch heute Leser: „Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann.“

Mit seiner Haltung war Church seiner Zeit voraus. Heute sind sich Psychologen und Psychiater sicher, dass der Weihnachtsmann Kindern moralische Werte vermittelt. In ihrem Fachartikel „Was wäre, wenn der Weihnachtsmann sterben würde?“ (2004) schrieb die englische Psychiaterin Lynda Breen, der Weihnachtsmannglaube könne die soziale Kompetenz von Kindern verbessern. Auf Wunschzetteln würden sie oft Kranke und Schwache erwähnen. Außerdem würde die Wertung des Weihnachtsmanns, ob Kinder sich gut oder schlecht verhalten, die moralische Urteilskraft stärken.

Alle Weihnachten wieder auf der Titelseite

In einem Interview sagte Virginia O’Hanlon, die Antwort der Sun auf ihre Frage habe ihr Leben ziemlich positiv geformt. Sie studierte, wurde Lehrerin und später Schuldirektorin. Nach 47 Berufsjahren ging sie in den Ruhestand. Bis an ihr Lebensende 1971 bekam sie Post zu ihrem Brief.

Nach dem Tod von Francis P. Church 1906 verriet die Sun, dass er den Artikel zu Virginias Brief geschrieben hatte. Zu jeder Weihnachtszeit druckte die Zeitung ihn auf Seite 1, bis sie 1950 ihr Erscheinen einstellte.

Bis heute wurde kein anderer Leitartikel in englischer Sprache so oft nachgedruckt.

Der Brief von Virginia O’Hanlon und die Antwort der New York Sun

Lieber Redakteur: Ich bin acht Jahre alt. Einige meiner kleinen Freunde sagen, es gibt keinen Weihnachtsmann. Papa sagt, wenn es in der Sun steht, stimmt es auch. Bitte sagen Sie mir die Wahrheit: Gibt es einen Weihnachtsmann?

Virginia O’Hanlon
115 W. 95th St.

Die New York Sun antwortete auf die „Mitteilung“ von Virginia O’Hanlon „mit Freude“, wie sie schrieb. Zugleich gaben die Zeitungsmacher „unserer großen Freude Ausdruck, dass ihre gewissenhafte Autorin zu den Freunden der Sun zählt“.

„Virginia, deine kleinen Freunde haben unrecht. Sie sind beeinflusst von der Skepsis eines skeptischen Zeitalters. Sie glauben an nichts, das sie nicht sehen. Sie glauben, dass nichts sein kann, was ihr kleiner Verstand nicht fassen kann. Der Verstand, Virginia, sei er nun von Erwachsenen oder Kindern, ist immer klein. In diesem unserem großen Universum ist der Mensch vom Intellekt her ein bloßes Insekt, eine Ameise, verglichen mit der grenzenlosen Welt über ihm, gemessen an der Intelligenz, die zum Begreifen der Gesamtheit von Wahrheit und Wissen fähig ist.

Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Er existiert so zweifellos wie Liebe und Großzügigkeit und Zuneigung bestehen, und du weißt, dass sie reichlich vorhanden sind und deinem Leben seine höchste Schönheit und Freude geben.

O weh! Wie öde wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe. Sie wäre so öde, als wenn es dort keine Virginias gäbe. Es gäbe dann keinen kindlichen Glauben, keine Poesie, keine Romantik, die diese Existenz erträglich machen. Wir hätten keine Freude außer durch die Sinne und den Anblick. Das ewige Licht, mit dem die Kindheit die Welt erfüllt, wäre ausgelöscht.

Nicht an den Weihnachtsmann glauben? Du könntest ebenso gut nicht an Elfen glauben! Du könntest deinen Papa veranlassen, Menschen anzustellen, die am Weihnachtsabend auf alle Kamine aufpassen, um den Weihnachtsmann zu fangen; aber selbst, wenn sie den Weihnachtsmann nicht herunterkommen sähen, was würde das beweisen? Niemand sieht den Weihnachtsmann, aber das ist kein Zeichen dafür, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt.

 


Virginia O’Hanlon (1889–1971) erhielt auf den Brief,
den sie 1897 als Achtjährige an die New York Sun geschrieben hatte,
bis an ihr Lebensende Post.

 

Die wirklichsten Dinge in der Welt sind jene, die weder Kinder noch Erwachsene sehen können. Sahst du jemals Elfen auf dem Rasen tanzen? Selbstverständlich nicht, aber das ist kein Beweis dafür, dass sie nicht dort sind. Niemand kann die ungesehenen und unsichtbaren Wunder der Welt begreifen oder sie sich vorstellen.

Du kannst die Babyrassel auseinanderreißen und nachsehen, was darin die Geräusche erzeugt; aber die unsichtbare Welt ist von einem Schleier bedeckt, den nicht der stärkste Mann, noch nicht einmal die gemeinsame Stärke aller stärksten Männer aller Zeiten, auseinanderreißen könnte. Nur Glaube, Phantasie, Poesie, Liebe, Romantik können diesen Vorhang beiseiteschieben und die übernatürliche Schönheit und den Glanz dahinter betrachten und beschreiben. Ist das alles wahr? Ach, Virginia, in der ganzen Welt ist nichts sonst wahrer und beständiger.

Kein Weihnachtsmann? Gott sei Dank lebt er, und er lebt auf ewig! Noch in tausend Jahren, Virginia, nein, noch in zehnmal zehntausend Jahren wird er fortfahren, das Herz der Kindheit zu erfreuen.“