Es gibt es ein Leben nach dem Pensionsantritt

Es gibt es ein Leben nach dem Pensionsantritt

Arbeiten im Ruhestand wird bei den Österreichern immer populärer. Allerdings fühlen sich gleichzeitig immer mehr Berufstätige von ihrem Arbeitgeber in die Pension gedrängt. Der vielbeklagte Fachkräftemangel sei deshalb selbstgemacht, so Leopold Stieger von der Plattform seniors4success.

Zwei Drittel der österreichischen Berufstätigen über 45 möchten in der Pension bezahlt oder ehrenamtlich weiterarbeiten. Das ist die Kernaussage einer Umfrage, welche von „Telemark Marketing“ für die Plattform seniors4success im Frühjahr 2019 durchgeführt und am 31. Juli bei einer Pressekonferenz in Wien präsentiert wurde. 2017 waren es erst knapp 56 Prozent. Der Ruhestand werde immer weniger als „ewiger Urlaub“ gesehen, Arbeiten in der Pension sei viel wichtiger geworden, betonte Dr. Leopold Stieger von seniors4success bei der Präsentation der Studienergebnisse. Bei den Unternehmen und in der Politik sei diese Entwicklung bisher allerdings noch nicht angekommen.

Selbstwertgefühl wichtiger als Geld

Unter den Pensionisten engagieren sich 50 Prozent ehrenamtlich, 26 Prozent gehen einer bezahlten Arbeit nach, 20 Prozent pflegen Angehörige, sechs Prozent studieren, 22 Prozent haben sich fürs Nichtstun entschieden (Mehrfachnennungen möglich). Manche Pensionisten brauchen einfach Geld und arbeiten deshalb weiter. Bei den meisten aber geht es um soziale Kontakte, Selbstverwirklichung oder den Wunsch, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Wer im Ruhestand ist, erfährt laut Umfrage weniger Wertschätzung als während der Berufstätigkeit. Auch das könnte ein Grund dafür sein, nach der Pensionierung noch einer Tätigkeit nachzugehen.

Derzeit steigt die Lebenserwartung der Menschen in Österreich statistisch jeden Tag um sechs Stunden. Das Potenzial für die „Freitätigkeit“, wie man bei seniors4success die Phase nach dem Beruf und vor dem „echten Ruhestand“ nennt, wird immer größer. Der Begriff „Freitätigkeit“ wird von den älteren Menschen voll akzeptiert, Pensionisten finden das Wort zu 70 Prozent zutreffend.

Die heimischen Unternehmen haben die Chancen, die sich ihnen durch die Beschäftigung älterer erfahrener Mitarbeiter bieten, noch nicht erkannt. Die Umfrage zeigte vielmehr, dass der Druck auf die Arbeitnehmer, in Pension zu gehen, zunimmt. Immerhin 15 Prozent der Befragten wurden etwas oder gar stark dazu gedrängt, bei den Menschen über 61 waren es sogar 23 Prozent. 2017 hatten erst knapp acht Prozent von mehr oder minder sanftem Druck ihrer Arbeitgeber in Richtung Pension berichtet. Stieger spricht von einem unqualifizierten Personalabbau, bei dem auch die Leistungsträger einfach abserviert werden. Der Fachkräftemangel, über den die Wirtschaft immer stärker klagt, sei selbstgemacht. Stieger plädiert dafür, einen Award für seniorenfreundliche Betriebe ins Leben zu rufen.

Zankapfel Zuverdienstgrenze

Neben der Wirtschaft, die schleunigst umdenken sollte, ist auch die Politik gefordert. seniors4success hält es für sinnvoll, die Zuverdienstgrenzen für das Arbeiten neben der Pension zu erhöhen und flexibler zu gestalten. Derzeit dürfen Personen, die eine vorzeitige Alterspension beziehen, pro Monat nur 446,81 Euro dazuverdienen. Wird diese Grenze überschritten, wird die Pension gestrichen. Laut Umfrage wird die Zuverdienstgrenze heute noch stärker abgelehnt als 2017. 45 Prozent der Pensionisten und 31 Prozent der Berufstätigen halten sie für schlecht oder sehr schlecht. Ein Grund dafür dürfte sein, dass sich immer mehr Menschen vor ihrem gesetzlichen Pensionsantrittstermin mit dem Thema Arbeiten in der Pension beschäftigen. Um die Beschäftigung älterer Menschen zu fördern fordert seniors4success auch ein Bonus-Malus-System für Firmen.

Rund 50 Prozent befürworten die Maßnahmen zur Anhebung des faktischen Pensionsalters, 25 Prozent sind dagegen. Die Befragung zeigt ein steigendes Bewusstsein, dass hier Handlungsbedarf gegeben ist. Eine Anhebung des gesetzlichen Pensionsalters wird hingegen nur von 40 Prozent positiv gesehen, 47 Prozent finden es schlecht oder sehr schlecht. Das „ideale“ Pensionsantrittsalter sehen die Befragten derzeit bei 62 Jahren, um zwei Jahre höher als bei der vorigen Umfrage.

Insgesamt ist die Zufriedenheit mit der Politik zum Thema Pension leicht gestiegen, mit knapp 30 Prozent, die sehr bzw. eher zufrieden sind, aber weiterhin auf einem mäßigen Niveau. Von der nächsten Bundesregierung erwarten sich die Bürger eine Angleichung der Pensionssysteme, wirksame Maßnahmen zur Vermeidung von Altersarmut bei Frauen sowie eine spürbare Erhöhung der Mindestpensionen.

Exakte Daten fehlen

Zu vielen Aspekten der Steuer- und Sozialversicherungsthematik rund um die Pension gibt es derzeit keine Klarheit und Übersichtlichkeit, in der Diskussion werden die Fakten oft vermischt. INARA-Geschäftsführerin Dr. Brigitta Schwarzer plädierte bei der Pressekonferenz dafür, den Status quo exakt in einer für den „Normalverbraucher“ verständlichen Form zusammenzustellen. Für die Zuverdienstgrenze bei Inanspruchnahme einer vorzeitigen Alterspension hat sie Verständnis. Die Auswirkungen im Falle der Überschreitung, nämlich der gänzliche Wegfall der Pension, gehörten jedoch abgefedert.

Von den berufstätigen Menschen über 45 machen sich derzeit 82 Prozent Gedanken über das Leben in der Pension, 54 Prozent empfinden Vorfreude (2017: 60 Prozent), nur rund sechs Prozent Angst. Zwei Drittel der Befragten halten eine gezielte Vorbereitung auf die Pension für sinnvoll, ein Drittel tut das bereits.

Autorin: Brigitta Schwarzer