„Finanzbildung muss Teil der Lehrpläne werden“

„Finanzbildung muss Teil der Lehrpläne werden“

Last Updated on 2020-03-09

Die Finanzkompetenzen der Österreicher lassen generell zu wünschen übrig. Frauen interessieren sich für Finanzthemen noch immer weniger als Männer. Expertinnen diskutierten, warum das so ist und welche Gegenmaßnahmen notwendig wären.

Finanzbildung der Frauen – „Ein weiterer Gender Gap?“ Dieses spannende Thema wurde am 4. März 2020 in der voll besetzten Säulenhalle der Wiener Börse analysiert. Konzipiert und organisiert wurde die Veranstaltung von Astrid Valek, MAS, MBAVorstandsmitglied des Finanz-Marketing Verbands Österreich (FMVÖ), und Dr. Brigitta Schwarzer, MBA, geschäftsführende Gesellschafterin der Governance- und Compliance-Plattform INARA im Vorfeld des Weltfrauentages. Dieser wird seit dem Jahr 1911 begangen, heuer findet er zum hundertsten Mal am 8. März statt. Das Publikum war nicht rein weiblich, der Männeranteil lag immerhin bei rund 30 Prozent. Begrüßt wurden die TeilnehmerInnen von FMVÖ-Präsident Erich Mayer, dem „Quotenmann“ des Abends. Frauenministerin Dr. Susanne Raab erklärte in ihrem Kurzstatement, dass finanzielle Unabhängigkeit unabdingbar sei, damit Frauen ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Gender Pay Gap wirkt sich aus

In ihrer Keynote betonte Mag. Angelika Sommer-Hemetsberger, Vorstandsmitglied der Kontrollbank, dass auch bei der Finanzbildung Eigeninitiative gefragt sei. Laut einer Studie interessieren sich 59 Prozent der Frauen, aber „nur“ 41 Prozent der Männer nicht für Finanzprodukte. Hier gebe es offenbar Berührungsängste und Informationsdefizite, viele Frauen delegieren Geldanlage und Vorsorge auch an ihre Partner. Die Informationen über Finanzprodukte müssten verständlicher sein. „Und ohne Geld geht es natürlich nicht,“ so Sommer-Hemetsberger unter Hinweis auf den Gender Pay Gap.

In der anschließenden, rein weiblich besetzten Diskussionsrunde, die von INARA-Geschäftsführerin Dr. Brigitta Schwarzer moderiert wurde, sagte DI Doris Wendler, Vorstandsmitglied der Wiener Städtischen Versicherung, dass in ihrem Institut zwar etwa gleich viel Frauen wie Männer Versicherungskunden, die eingezahlten Prämien der Frauen aber wesentlich geringer sind. Gründe dafür seien der Gender Pay Gap, Teilzeitarbeit etc.

Wiener Börse: Eigenes Frauenseminar

Die Aktionärsquote ist in Österreich traditionell sehr gering. Mag. Henriette Lininger, Head of Issuers & Market Data Sales der Wiener Börse, hofft, dass die im Regierungsprogramm angekündigten Maßnahmen – etwa die Wiedereinführung der steuerlichen Behaltefrist für Wertpapiere – sowie die anhaltende Nullzinsphase hier eine Verbesserung bringen und die Börse auch für Privatanleger attraktiver machen werden. Immerhin ist das Interesse an Wertpapieren bei der Bevölkerung laut einer Studie deutlich gestiegen. Von der Wiener Börse gibt es in Sachen Financial Literacy ein breites Informationsangebot für Schulen, Lehrer, Privatanleger usw. Demnächst wird laut Lininger auch ein eigenes Seminar für Frauen stattfinden, in dem auf die höhere Lebenserwartung und das geringere Vermögen der Frauen eingegangen wird. Die Website der Wiener Börse bietet laut Lininger ein umfassendes Informationsangebot und wird rege genutzt, allerdings sind nur 17 Prozent der User weiblich

Generell sei das Angebot an Finanzinformation sehr breit, betonte Astrid Valek, MAS, MBA, Vorstandsmitglied im FMVÖ (hauptberuflich für Produkte & Marketing bei der HDI-Leben zuständig) Während einige Anbieter aus ehrlichem Interesse informieren, gehe es bei anderen um reines Marketing. Was bei der Finanzbildung fehlt, ist eine Gesamtstrategie für Österreich für Jung & Alt. „Das Thema, das ja auch ins türkis-grüne Regierungsprogramm aufgenommen wurde, muss in den Schulen flächendeckend in den Lehrplänen verankert werden und zwar mit fixen Wochenstunden. Für die Erwachsenen braucht es im Sinne des lebenslangen Lernens ebenfalls ein Angebot, das standardisiert und qualitätsgesichert sein sollte. Finanzbildung auf breiter Basis muss ein gesellschaftspolitisches Anliegen sein,“ so Valek.

Sommer-Hemetsberger ergänzte, das Angebot müsse gut koordiniert sein, ein „Wildwuchs“ bringe niemandem etwa. Wichtig sei es, schon Jugendlichen den richtigen Umgang mit Geld beizubringen. Dass das teilweise nicht passiert, zeige sich spätestens dann, wenn junge Menschen bei der Schuldnerberatung landen.

Green Finance als Hoffnungsträger?

Frauen legen laut diversen Studien bei der Geldanlage mehr Wert auf Sicherheit als Männer. Die Nachfrage nach „grünen“, nachhaltigen Finanzprodukten steigt, weil immer mehr Menschen wissen wollen, was mit ihrem Geld passiert. Auch im Regierungsprogramm wird darauf eingegangen, die Republik Österreich plante beispielsweise die Emission von Green Bonds. Green Finance könnte nach Ansicht von Valek ein Anreiz für Frauen sein, weil sie sich stärker als Männer für den Umweltschutz interessieren: „Man könnte hier also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Vorsorge einerseits, gesellschaftspolitischer Nutzen andererseits.“ Bezüglich Rendite und Risiken seien nachhaltige und konventionelle Finanzprodukten durchaus vergleichbar, unterschiedlich sei lediglich die Zweckbindung.

Auch Politiker sind gefordert

Alle Referentinnen waren sich einige, dass Finanzbildung Teil der Allgemeinbildung sein sollte und zwar für beide Geschlechter. Für Lininger bedeutet sie einfach Unabhängigkeit, für Sommer-Hemetsberger geht es um „wirtschaftlichen Hausverstand“. Frauen sollten „hinschauen“ und sich mit den Informationen beschäftigen, rät sie. „Wir Frauen sollten bei der Vorsorge einmal an uns selbst denken,“ ergänzte Wendler. Und Valek wünscht sich, dass Frauen eines Tages ebenso selbstverständlich über ihre Investments reden wie Männer. Dann könnte eine Dame etwa sagen: „Ich war gerade shoppen und hab mir einen ETF (Exchange Traded Fund / börsegehandelter Fonds) gekauft.“

Im Anschluss entwickelte sich eine angeregte Publikumsdiskussion. Schwarzers Schlusswort: „Ich wünsche mir, dass künftig kein Politiker mehr „straffrei“ über Aktien wettert oder sie als Spekulation verdammt.“ Darüber und über viele weitere Themen im Zusammenhang mit Finanzbildung wurde beim anschließenden Buffet, das die Wiener Städtische Versicherung gesponsert hatte, noch lange und eifrig debattiert.

Autorin: Dr. Christine Domforth

Link zur Fotogalerie: https://www.inara.at/gallery/04_03_2020/


FMVÖ-Präsident Erich Mayer, Dr. Brigitta Schwarzer, INARA, Mag. Henriette Lininger,
Head of Issuers & Market Data Sales Wiener Börse AG, FMVÖ-Vorstandsmitglied Astrid Valek,
Ministerin Dr. Susanne Raab, Dr. Doris Wendler, Vorstandsmitglied bei der Wiener Städtischen Versicherung AG,
Mag. Angelika Sommer-Hemetsberger, Vorstandsmitglied in der Oesterreichischen Kontrollbank.
Fotokredit: (C) FMVÖ/STUDIO KERSCHBAUM