„Gewisse Bereiche einfach nicht mehr versichern“

„Gewisse Bereiche einfach nicht mehr versichern“

Last Updated on 2020-03-06

VersicherungsJournal / Emanuel Lampert, 26.02.2020

 Der Finanzmarkt kann viel zu einem – möglichst raschen – Umstieg auf eine nachhaltig organisierte Welt beitragen, so der Succus einer FMVÖ-Podiumsdiskussion. Und: Je früher der Umstieg erfolgt, desto besser, je später, desto teurer und gravierender die Konsequenzen.

 Das Pariser Klimaübereinkommen auf internationaler Ebene, der „Green Deal“ auf EU-Ebene (VersicherungsJournal 12.12.2019), Regierungsprogramm und „Green Finance Agenda“ auf nationaler Ebene (VersicherungsJournal 22.11.2019): Umwelt und Klima sind inzwischen stark in den Fokus von Politik und Wirtschaft gerückt.

Der Finanz-Marketing Verband Österreich (FMVÖ) hat das Thema „Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung in der Finanzbranche“ am 24. Februar 2020 zum Gegenstand eines „Financial Forum“ gemacht. Titel: „Echtes Differenzierungsmerkmal oder grüner Anstrich?“

Halbes Grad macht großen Unterschied

 Lisa Simon, Teamleitung Klimaschutz und Finanzmarkt beim WWF Österreich, machte dabei darauf aufmerksam, welchen „immensen Unterschied“ eine auch nur um ein halbes Grad größere Erderwärmung für das Leben auf dem Planeten machen könne.

Das zeigte sie an Hand zweier Beispiele unter Berufung auf Daten des Weltklimarats:

  • Bei 1,5 Grad Erderwärmung würde das Hochwasserrisiko um 100 Prozent steigen, bei zwei Grad um 170 Prozent.
  • Bei 1,5 Grad Erderwärmung wäre alle fünf Jahre eine Milliarde Menschen von extremen Hitzewellen betroffen, bei zwei Grad 2,7 Milliarden Menschen.

 

Simon: Hälfte des Welt-BIP hängt von intakter Natur ab

Simon wies auch auf die ökonomischen Folgen des Klimawandels hin und sagte, die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts hänge von einer intakten Natur ab.

Gerade der Finanzmarkt könne bei einer Umstellung auf nachhaltiges Wirtschaften eine besondere Hebelwirkung entfalten, zumal hier ein Großteil der Geldflüsse bewegt und außerdem entschieden werde, wie veranlagt wird.

Faber: In Kohle und Öl fließt noch immer viel Kapital

 Laurenz Faber, seines Zeichens Aktivist bei „Fridays for Future“ und dort unter anderem für Planung und Außenkommunikation zuständig, beobachtet, dass sich „immer mehr Unternehmen Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreiben“.

Er hinterfrage das allerdings prinzipiell kritisch, zumal nach wie vor reichlich Kapital in Kohle und Öl stecke. Große Kapitalverwalter bewirkten nach wie vor, dass nicht im Sinne ökologischer Nachhaltigkeit investiert werde.

Stürmer: Kosten des Nichtstuns wären sehr hoch

 Andrea Stürmer,  CEO der Zürich Versicherungs-AG, unterstrich, Nachhaltigkeit dürfe nicht als „Geschäftsmodell“ und Wettbewerbskriterium verstanden, sondern müsse aus Verantwortung betrieben werden. Die „Kosten des Nichtstuns“ wären sehr hoch, warnte sie.

Stürmer berichtete von den Aktivitäten der Zürich-Gruppe in dieser Hinsicht, unter anderem vom Zurückfahren deren Engagements im Kohle- und Öl-Sektor. Zwar gebe es Konkurrenten, die eine andere Politik verfolgen, aber: „Wir sind nicht alleine“ – und es schließe sich immer mehr Kapital dieser Verhaltensweise an.

Gebot der Vernunft, nicht nur Frage des „guten Gewissens“

 Die Problematik sei der Versicherungsbranche „vielleicht noch mehr bewusst als anderen Branchen“, weil diese aufgrund der Versicherung von Naturkatastrophenrisiken über entsprechendes Datenmaterial verfüge und die Auswirkungen von Wetterextremen kenne.

„Mit diesem Wissen sollten wir etwas anfangen“, meinte Stürmer, nicht zuletzt, um andere zu motivieren, sich ebenfalls zu engagieren.

Die Kosten der Umstellung auf nachhaltiges Wirtschaften „müssen wir als Gesellschaft ohnehin tragen“, sagte Stürmer. Je länger aber damit gewartet werde, desto höher seien die Gesamtkosten.

Maßnahmen zu setzen, sei also nicht einfach nur eine Frage des guten Gewissens, „sondern des vernünftigen Handelns“.

Bestimmte Bereiche „einfach nicht mehr versichern“

 Aus Sicht von Fritz Fessler, Vorstand der Genossenschaft für Gemeinwohl, hat die Versicherungswirtschaft einen „großen Hebel“ in der Hand.

Und zwar mehr auf Versicherungs- als auf Veranlagungsseite: Wenn gewisse Bereiche ganz einfach nicht mehr versichert würden, bleibe den entsprechenden Unternehmen „nichts anderes übrig als auszusteigen“.

Beispiel Kfz-Versicherung

Wäre es auch eine Möglichkeit, beispielsweise nur noch Autos zu versichern, die weniger als 50 mg CO2 ausstoßen?

Für Fessler ist das nicht der beste Weg, zumal er das angesichts der geringen Zahl an E-Autos nicht für zielführend hält, speziell auch nicht für einen so handelnden Versicherer.

Vielmehr „braucht es die Stimme der Politik“, ist Fessler sicher. „FCKW und Ozonloch sind auch nicht durch Freiwilligkeit verschwunden.“

Auch Faber würde an höherer Stelle ansetzen – nicht individuell beim einzelnen Auto, stattdessen müssten Kapitalverwalter entsprechende Schritte gegenüber Konzernen setzen.

Appelle an Unternehmen

 Simon sieht ebenfalls die Politik gefordert, diese müsse einen Rahmen schaffen.

Zugleich appellierte sie an die Wirtschaft: „Es braucht definitiv ein mutiges und innovatives Voranschreiten von Unternehmen“, ein größeres Angebot und größere Transparenz, kurzgefasst: „Mehr, schneller, ambitioniert.“

Faber ermutigte die Unternehmen, sich auch unter „widrigen Umständen“, seien sie politischer oder wirtschaftlicher Art, zu trauen, Schritte zu setzen und ihr Gewicht im Gespräch mit der Politik zu nutzen.

Faber: „Sie dürfen nicht unterschätzen, welche Rolle Sie spielen können, um den Schneeball ins Rollen zu bringen.“

Den Beitrag finden Sie auch unter https://www.versicherungsjournal.at/markt-und-politik/gewisse-bereiche-einfach-nicht-mehr-versichern-20087.php?vc=newsletter&vk=20087