Gustav Peichl im KURIER-Interview: „Ich achte auf die Sinnlichkeit“

Gustav Peichl im KURIER-Interview: „Ich achte auf die Sinnlichkeit“

Barbara Nothegger, 17.03.2018

Star-Architekt Gustav Peichl ist am 17. November 2019 91-jährig verstorben. Er war eine Doppelbegabung und prägte als „Doppelgänger“, wie er sich in seiner Autobiografie nannte, die Zweite Republik mit. Gustav Peichl entwarf als Architekt etwa sieben ORF-Landesstudios und die Bundeskunsthalle in Bonn und konnte als Zeichner „Ironimus“ auf über 12.000 Karikaturen, 30 Bücher und 100 Ausstellungen zurückblicken.

IMMO-Redakteurin Barbara Nothegger hat ihn 2018 in seinem Haus interviewt. Er sprach damals über sein Schaffen und darüber, was nach dem Tod bleibt.

KURIER: Herr Peichl, Sie begehen am 18. März 2018 Ihren 90. Geburtstag.  Wie feiern Sie diesen Tag?

Gustav Peichl: Ich muss gestehen, dass ich es gar nicht weiß. Meine drei Kinder bereiten alles vor.

Ihre Kinder wohnen alle in Berlin und sind keine Architekten. Hätten Sie sich gewünscht, dass eines Ihrer Kinder in Ihre Fußstapfen tritt?

Nein. Niemand wollte es und darum habe ich es auch nicht verhindern müssen. Der prominente Vater mit dem Architekten-Nachwuchs – da wäre nur eine Katastrophe herauskommen.

Wir sitzen im Wohnzimmer Ihres Hauses in der Himmelstraße in Grinzing. Sie wohnen hier seit 1962. Würden Sie es heute anders bauen?

Nein, denn ich bin sehr stolz darauf. Es war das erste Haus, das ich als Architekt entworfen habe und es hat viele Preise gewonnen. Es kommen nach wie vor viele Studierende, um es anzusehen. Als meine Frau noch lebte, ließ sie die Studierenden oft herein, vor allem Japaner. Das war immer sehr lustig.

Sie haben einmal gesagt, jedes Haus hat erogene Zonen. Wo sind diese Zonen hier in Ihrem Wohnhaus?

Es sind die Proportionen der Räume, Materialien, Funktionen, Farben und Formen. All das bewirkt, dass man sich schon beim Hereinkommen wohlfühlt. Überall gibt es Eros-Zonen, auch das Stiegengeländer oder der Heizkörper kann das sein.  Ich achte auf die Sinnlichkeit, wobei das nicht unbedingt immer mit Erotik zu tun hat, sondern mit Sinn im wahrsten Sinn des Wortes. Mein Credo ist, so zu bauen, dass man gerne in Häuser hinein- und ungern wieder hinausgeht.

 Mir fällt auf, dass Ihr Haus sehr schlicht und modern wirkt – obwohl es so alt ist. 

Ich habe immer einfache, sachliche und funktionale Architektur gemacht. Vor allem kleinteilige Proportionen wirken auf Menschen. Das Schlimme in Wien ist derzeit, dass Gebäude immer größer, höher und teurer werden und Immobilienentwickler die Immobilien für ihre finanziellen Zwecke missbrauchen. Ich denke etwa an das Projekt am Heumarkt. Gute Architektur bleibt dabei auf der Strecke. Bei derartigen Projekten ist nicht der Mensch das Maß aller Dinge, sondern der finanzielle Vorteil der Investoren.

Sie haben aber auch Hochhäuser wie den Millennium Tower (zusammen mit dem Architekten Boris Podrecca) geplant.  Ein Fehler?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin nicht prinzipiell gegen Hochhäuser. Sie sollen nur dort stehen, wo sie hinpassen. Gute Architektur muss dem Menschen dienen.

Welche Bauwerke gefallen Ihnen in Wien besonders gut?

Die Bauten von Otto Wagner, Adolf Loos und Josef Hofmann. Auch die Gemeindebauten der 1920er-Jahre wie der Karl-Marx-Hof gehören zu den besten Wiens. Das Besondere sind die Proportionen und der Maßstab. Auch wenn die Wohnungen klein sind, fühlen sich die Menschen darin wohl. Das merkt man schon im Stiegenhaus.

Sie haben lange als Professor, später als Rektor an der Universität für angewandte Kunst gelehrt. Was raten Sie heute Studierenden, um gute Architekten zu werden?

Die Sprache des Architekten ist das Zeichnen. Deshalb sind meine Entwürfe immer auf Basis von Skizzen und Zeichnungen per Hand entstanden. Heute zeichnet niemand mehr, alles wird mit Computerprogrammen geplant.  Das ist schlimm, weil für kreative Arbeit der Computer nicht brauchbar ist.

Eine Rückkehr zum Analogen?

Wenn man per Hand zeichnet, kommen ganz andere Ideen zustande. Die Häuser werden individueller. Überhaupt ist diese Diktatur des Computers fürchterlich. Schon beim Aufstehen hilft uns irgendein Computer. Und ich bin bekanntlich gegen Diktatoren.

Sie können seit Kurzem nicht mehr zeichnen, weil Sie durch eine Augenkrankheit schlecht sehen. Wie schmerzhaft war der Verlust dieser Leidenschaft für Sie?

Zusammen mit dem Tod meiner Frau vor vier Jahren hat mich das sehr fertiggemacht.

Was bereitet Ihnen heute Freude?

Junge Frauen wie Sie (lacht). Im Ernst: Es sind Begegnungen mit Menschen, mit denen ich gute Gespräche führen kann. Ich gehe viel spazieren in der Umgebung. Die Leute mögen mich, weil ich Grinzing retten will.

Das müssen Sie erklären.

Durch die Umwidmungen sind die Heurigen verschwunden. Als ich hierher zog, gab es am Grinzinger Platz 14 Heurigenlokale. Heute sind es drei. Beiseln sind – genauso wie Kindergärten – für einen Stadtteil sehr wichtig.

Als Architekt haben Sie rund 70 Bauwerke realisiert. Ist es ein Trost, dass Ihre Bauten den Tod überdauern?

Ich glaube an ein Leben nach dem Tod. Meine Eltern waren sehr katholisch. Ich bin zwar selten in die Kirche gegangen, aber ich versuche, nach dem Christentum zu leben. Ich schätzte übrigens sehr Papst Johannes Paul II. Auf dem Sessel da drüben in der Ecke ist er schon gesessen. Ich erhielt ihn als Honorar für die Bühnengestaltung beim Papstbesuch am Heldenplatz.

Das Interview finden Sie auch unter https://kurier.at/kultur/stararchitekt-und-ironimus-gustav-peichl-gestorben/400678667