Interview: Action statt Ruhestand

Interview: Action statt Ruhestand

Neue Leute treffen, aktiv sein und Spaß haben: Darum geht es bei der Senioren-Plattform Rocking Community. Im Kampf gegen Pensionsschock & Einsamkeit werden vielfältige Aktivitäten in den Bereichen Sport, Kultur, Kulinarik usw. angeboten. Auch wer sich ehrenamtlich engagieren oder noch etwas dazuverdienen möchte, wird bei den „Rockies“ fündig.

INARA: Bitte erklären Sie uns zunächst, was die Rocking Community macht.
Mag. Brigitte Irowec: Die Rocking Community ist eine Plattform für alle, die sich auf die nachberufliche Phase vorbereiten oder bereits in Pension sind. Oder anders formuliert: Wir sind ein Netzwerk für Leute im coolsten Alter.

INARA: Wer steht hinter der Rocking Community?
Irowec: Die Idee zu Rocking Community hatte ich gemeinsam mit meinem Mann und meinem Bruder. Wir haben alle drei Tiroler Wurzeln. Während ich immer im Management tätig war, haben sich die beiden Herren schwerpunktmäßig mit Immobilien bzw. Softwareentwicklung beschäftigt. Zusammen bilden wir ein gutes Team. Im März 2018 sind wir mit der Rocking Community gestartet.

INARA: Was hat Sie bewogen, diese Plattform zu etablieren?
Irowec: Wir drei Gründer haben in unserem Umfeld oft erlebt, dass Menschen nach der Pensionierung die berühmte Decke auf den Kopf gefallen ist. Sozialkontakte, Status, Anerkennung – das alles hing am Job und war plötzlich weg. Gegen diesen „Pensionsschock“ wollten wir etwas unternehmen. In unserem Netzwerk können Pensionisten neue Leute kennenlernen, Spaß haben und unser vielfältiges Angebot nutzen. Neben einem strukturierten Tagesablauf sollte man im Ruhestand auch ein strukturiertes Freizeitangebot haben, das ist für die Lebensqualität enorm wichtig.

INARA: Wie funktioniert das Ganze in der Praxis?
Irowec: Alle Termine findet man auf unserer Website. Wenn man sich für eine Veranstaltung interessiert, meldet man sich einfach online unter www.rocking.community an. Wir verwenden ein Ampelsystem grün-gelb-rot. Manche unserer Veranstaltungen sind sehr schnell ausgebucht, da gibt es dann eine Warteliste. Und wer dann doch nicht teilnehmen kann, meldet sich rechtzeitig ab. Ein Vereinslokal brauchen wir nicht, maximale Flexibilität ist uns ein besonderes Anliegen. Deshalb werden auch gute Ideen unserer Mitglieder gerne aufgenommen nach der Devise „Probieren geht über Studieren“.

INARA: Können Sie uns ein paar Beispiele aus dem Angebot von Rocking Community nennen?
Irowec: Das Angebot ist extrem vielseitig, es ist für Körper, Geist und Seele etwas dabei. Sportliche Aktivitäten wie Laufen, Wandern oder Qi Gong gibt es ebenso wie kulturelle Events, also z. B. Theater- oder Kinobesuche, Museums- oder Stadtführungen, einen Lesekreis etc. Unsere Mitglieder besuchen gemeinsam Restaurants oder diverse Rooftop-Bars, gehen zum Heurigen, tanzen oder polieren ihre Fremdsprachenkenntnisse auf. Das alles passiert in kleinen überschaubaren Gruppen – nicht erst seit Corona.

INARA: Liegt der Fokus ausschließlich auf Freizeitaktivitäten?
Irowec: Nein, zu unserem Konzept gehören neben der Freizeit auch die Säulen Ehrenamt und Job. Beim Ehrenamt fungieren wir als „Türöffner“ für Menschen, die eine sinnstiftende Aktivität suchen und ein Ehrenamt übernehmen wollen. Dafür organisieren wir auch Info-Abende zum „Schnuppern“. So wurde etwa eine Veranstaltung mit der Caritas zum Thema Demenz organisiert, Interessierte konnten sich dabei informieren und eine ehrenamtliche Tätigkeit mit Betroffenen übernehmen. Für die Säule Job sind wir in Kooperation mit WisR, einer Internet-Plattform für Senior Talents, die sich zur selben Zeit wie wir gegründet haben (www.growwisr.com). Wir wollen dabei Menschen, die in der Pension noch etwas dazuverdienen wollen, bei der Suche nach dem passenden Job unterstützen. So ergänzen wir einander perfekt.

INARA: Wie viele Mitglieder hat die Rocking Community? Und wollen Sie weiter expandieren?
Irowec: Wir haben derzeit etwa 200 Mitglieder und 19 Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter. Im Vorjahr gab es insgesamt 410 Veranstaltungen. Neben unseren Aktivitäten in Wien bauen wir seit kurzem auch in Graz ein Netzwerk auf. Während des Corona-Lockdowns hielten unsere Mitglieder über eine Facebook-Gruppe Kontakt, seit Anfang Mai gibt es wieder Veranstaltungen, natürlich unter Einhaltung aller notwendigen Vorsichtsmaßnahmen.

INARA: Was kostet die Mitgliedschaft?
Irowec: Die Mitgliedschaft kostet zurzeit noch sieben Euro und ab August neun Euro im Monat. Unverbindlich informieren kann man sich bei unseren Rock’n‘Coffees, die einmal monatlich in Wien und Graz stattfinden. Zum Kennenlernen bieten wir einen gratis Schnuppermonat, denn am besten macht man sich immer selber ein Bild. Bei den Veranstaltungen zahlt jedes Mitglied selbst seine Konsumation, Eintrittsgeld oder Ticketpreis.

INARA: Wie hoch ist das Durchschnittsalter Ihrer Mitglieder und wie ist das Geschlechter-Verhältnis?
Irowec: Das Durchschnittsalter der Rockies – so nennen wir uns auch – liegt bei 64 Jahren. Der Frauenanteil beträgt mehr als 80 Prozent. Warum das so ist, habe ich mich auf schon gefragt. Vielleicht liegt es daran, dass die Damen geselliger sind. Dafür fühlen sich die wenigen Herren bei der Rocking Community besonders wohl. Es gibt unter unseren Mitgliedern auch einige Paare, die einzelne Aktivitäten gemeinsam machen und andere individuell.

INARA: Welche Funktion haben die GruppenleiterInnen bei der Rocking Community?
Irowec: Die GruppenleiterInnen arbeiten ehrenamtlich und sind für den Erfolg der Rocking Community ganz entscheidend. Sie fungieren als GastgeberInnen und achten darauf, dass neue Mitglieder rasch integriert werden und sich wohlfühlen. Das passiert aber meist ohnehin, denn die Mitglieder der Community sind open minded, wollen Erfahrungen machen, Leute in angenehmer Umgebung bei anregenden Aktivitäten kennenlernen usw. Die Wechselwirkung zwischen den GruppenleiterInnen und den jeweiligen Teilnehmern sichern ein hohes Niveau der Mitglieder und der Veranstaltungen. Wer seine eigenen Kompetenzen, etwa eine Fremdsprache oder eine bestimmte Sportart, in unser Netzwerk einbringen möchte, kann das als GruppenleiterIn tun.

INARA: Sie wenden sich auch an Unternehmen, bei denen Mitarbeiter vor dem Pensionsantritt stehen. Wie läuft das ab?
Irowec: Firmen haben die Möglichkeit, ihren in den Ruhestand wechselnden Mitarbeitern zum Abschied eine Jahresmitgliedschaft zu schenken. Das kommt meist sehr gut an, es zeigt eine gewisse Wertschätzung, die Verbundenheit des ausscheidenden Mitarbeiters zum Unternehmen wird gefördert. Gleichzeitig sichern sich die Firmen eine gute „Nachrede“ und damit eine entsprechende Werbung. Besonders bewährt hat sich hier eine „Firmenmitgliedschaft“ für zwei Jahre, die ein Jahr vor dem Pensionsantritt beginnt.

INARA: Ihre Zielgruppe wird ja in Zukunft noch weiter wachsen…
Irowec: Das stimmt. Bis zum Jahr 2034 kommen in Österreich rund 1,9 Millionen „Babyboomer“ nach und nach ins Pensionsalter. Für das Pensionssystem ist das natürlich eine große Belastung. Aber für die Rocking Community bedeutet es, dass wir hoffentlich zahlreiche neue „Rockies“ gewinnen können.


@ Robert Fleischanderl

Autorin: Brigitta Schwarzer