Interview: Der goldene Schuh der Wiener Gründerzeithäuser droht zu „versandeln“

Interview: Der goldene Schuh der Wiener Gründerzeithäuser droht zu „versandeln“

Last Updated on 2021-01-20
Kaspar Erath, Obmann des Vereins der Wiener Gründerzeithäuser, bringt es auf den Punkt: „Wir brauchen dringend eine politische Wiederbelebung!“

INARA: Herr Erath, was steckt hinter Ihrem Appell für eine Wiederbelebung der Erdgeschoß-Zone in Wiener Altbauten?
Erath: Damit wir die Dimensionen besser erkennen können, müssen wir uns mit ein paar Zahlen vertraut machen.

Wien hat noch knapp 15.000 private Gründerzeithäuser mit einer Erdgeschoß-Zone, die eine Quadratur von ca. zwei Millionen Quadratmeter hat und von der Kaiserzeit bis in die 1960er und 1970er Jahre mit pulsierendem Leben und geschäftlichem Treiben erfüllt war. Eine Vielzahl von Kleinbetrieben war präsent, ob Greißler oder Schneider, ob Bäcker oder Fleischer, die Nahversorgung und der persönliche Kontakt zwischen den Bewohnern und den Geschäftsinhabern war vielerorts ein unersetzlicher Faktor und eine vielfache Bereicherung. Mit anderen Worten, diese Atmosphäre der glanzvollen Gründerzeit mit dem goldenen Schuh der belebten Erdgeschoß-Zone hat Wien unzweifelhaft einen einmaligen Charme verliehen. Heute stehen hunderte dieser Geschäfte leer, wir müssen nun in Anlehnung an glorreiche Zeiten Verantwortung zeigen und mutig neue Wege beschreiten.

INARA: Wieso Mut für neue Wege?
Erath: Die Gesellschaft hat sich in den letzten 30 bis 40 Jahre stark verändert, denken Sie an die Einkaufstempel, an Konzernketten, an das Internet mit Online-Handel und vieles mehr. Wir werden schneller und schneller und nicht alles wird damit zwingend besser. Unzählige Kleinbetriebe in unseren Straßen haben nach und nach aufgegeben, weil es keine Nachfolge mehr gab oder aber keine Hoffnung mehr auf ein wirtschaftliches Überleben. Das war sprichwörtlich gestern, wir müssen als Gesellschaft mit der gemachten Erfahrung nach vorne blicken und neue Wege für eine Wiederbelebung der Erdgeschoß-Zone suchen. Man kann es kurz und knackig auf den Punkt bringen, ohne Leistungsanreize und gesetzliche Begleitmaßnahmen wird man den Spagat nicht schaffen.

INARA Was meinen Sie mit Leistungsanreizen und gesetzlichen Begleitmaßnahmen?
Erath: Wenn nahezu eine Million Quadratmeter Nutzfläche im Erdgeschoß leer steht und verödet, müssen sich die Verantwortlichen der Stadt Wien, aber auch der Finanzminister ernsthafte Gedanken machen, was hinter diesem Niedergang steckt und mit welchen Maßnahmen eine positive Schubumkehr erzielt werden könnte. Regieren bedeutet für mich gestalten und nicht nur verwalten. Gibt es erkennbar Schwachpunkte, ob in der Wirtschaft oder im Gesellschaftssystem, sollte eine Regierung operativ und zeitnah gegensteuern.

Für diese Schubumkehr wären zwei Schienen zu bedienen:

Der Altbaueigentümer bekommt bei einer vollständigen Geschäftsraumsanierung im Erdgeschoss und/oder nach der Schaffung von barrierefreien Wohnungen mit Fassadenrenovierung analog dem Dachausbau den freien Mietzins zugesichert. Es liegt auf der Hand, dass ohne diese gesetzliche Regelung alles beim Alten bleiben würde. Mit den momentanen rechtlichen Rahmenbedingungen würde der Eigentümer selbst beim hochwertigsten Ausbau mit Umwidmung zu barrierefreiem Wohnraum mit dem vorgegebenen Mietendeckel nicht das Auslangen finden können. Die Stadt Wien, aber auch die Republik Österreich könnten mit rechtlichen Modifizierungen ein Leistungsmodell der Sonderklasse installieren: Städtebauliche Glanzpunkte mit Belebung und neuem Charme für Wien, aber auch monetäre Erfolge für das Land und die Republik (Steuern und Abgaben) könnten die Lenkungsmaßnahmen positiv begleiten. In Summe ein Gewinn für beide Seiten.

Der Kleinunternehmer benötigt gleichfalls Leistungsanreize. Hier sollte der Ideenreichtum der Stadt Wien den Ideenreichtum für Abgaben und bürokratische Hemmnisse bei weitem übertreffen. Das könnte von einer jahresgetragenen kompletten Abgabenbefreiung bis zu einem Gratis-Geschäftsparkplatz etc. reichen. Die hohe Zahl an Arbeitslosen, speziell auch in Wien, sollte an sich solche Gedanken und Konzepte beflügeln. Wir müssen den Leistungswilligen den Weg ebnen und nicht weitere Barrieren aufbauen.

INARA: Wie beurteilen Sie die Chancen für so ein Leistungsmodell?
Erath: Grundsätzlich bin ich ein Optimist und versuche es immer wieder mit Anregungen und Vorschlägen. Wir „predigen“ zu diesem Thema als Verein schon seit Jahren auf den Plattformen „Zinshaus-Zukunft“ und „Stadtbilderhaltung Wien“, wir haben eine Petition „Stadtbilderhaltung“ erfolgreich abgeschlossen und wir sind daher zuversichtlich, dass das politische Lagerdenken überwunden wird und wir gemeinsam zum Wohle aller den einmaligen Gründerzeithäusern, respektive deren Erdgeschoß-Zonen, zu altem Glanz verhelfen.

Verein zur Revitalisierung und architektonischen Aufwertung der Wiener Gründerzeithäuser
Mag. Kaspar Erath, Obmann
www.zinshauszukunft.wien und www.stadtbilderhaltung.wien

 

 

Siehe auch  APA OTS Aussendung vom 11.01.2021
https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20210111_OTS0010/mrg-wiener-richtwert-wurde-der-vfgh-201617-politisch-ausgetrickst-oder-geblendet