Interview: „Digitalisierung ist kein Selbstzweck“

Interview: „Digitalisierung ist kein Selbstzweck“

Warum die digitale Transformation von Jung & Alt gemeinsam bewältigt werden sollte und was in der Bildung sowie bei der Managerauswahl heute falsch läuft: Das erläutert Ing. Werner Illsinger, Präsident von Digital Society, im Gespräch mit INARA.

INARA: Was ist das Ziel von Digital Society?
Ing. Werner Illsinger: Digital Society ist ein gemeinnütziger Verein, besteht seit 2015 und beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Herausforderungen durch und Lösungsansätze für die digitale Transformation. Unsere Zielgruppen sind sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen. Unsere Vision ist ein digitaler Humanismus, also eine freie digitale Welt, in der alle Mitglieder der Gesellschaft profitieren.

INARA: Wie sind Sie selbst zu diesem Thema gekommen?
Illsinger: Ich habe an der HTL eine Ausbildung in Elektronik und Nachrichtentechnik absolviert und dann Informatik studiert. Mein gesamtes Berufsleben habe ich in diesem Bereich gearbeitet, darunter in leitender Position bei Microsoft und bei Raiffeisen Informatik Consulting. Danach habe ich mich selbständig gemacht und die Beratungsfirma Vividity gegründet, die Unternehmen auf die digitale Transformation vorbereitet.

INARA: Der Begriff digitale Transformation ist derzeit in aller Munde. Was ist für Sie dabei essenziell?
Illsinger: Der US-Wissenschaftler George F. Westerman vom MIT sagt, es geht dabei in Wahrheit um Transformation und nicht um Digitalisierung. Dem kann ich mich nur anschließen. Die Transformation, also die Veränderung, ist viel wichtiger. Die Unternehmen sollten nicht dauernd nach neuen digitalen Tools suchen, sondern ihre Ziele für die nächsten zehn oder 20 Jahre definieren. Und diese Ziele müssen laufend an veränderte Gegebenheiten angepasst werden, Stichwort agile Unternehmen. Die Digitalisierung, die sich ja heute durch alle Lebensbereiche zieht, ist nur ein Mittel zu Erreichung von Zielen, aber nicht das Ziel per se. Und – das halte ich für ganz wichtig – sie ist ein fortlaufender Prozess.

INARA: Kunden haben durch die Digitalisierung deutlich mehr Vergleichsmöglichkeiten als früher. Was bedeutet das für die Unternehmen?
Illsinger: Um in einem Umfeld erfolgreich zu sein, in dem die Transparenz bezüglich Preis, Qualität oder Produktauswahl immer mehr zunimmt, müssen Firmen noch stärker auf die Kundenbedürfnisse eingehen. Und auch die verändern sich laufend. Uber hat das z. B. verstanden, das traditionelle Taxigewerbe hingegen nicht. Die Taxler schauen nicht, was Uber gut macht und kopieren es, sondern sie bekämpfen die neue Konkurrenz und wollen sie loswerden.

INARA: Nicht jeder möchte sich bewerten lassen oder sich der Konkurrenz stellen…
Illsinger: Meiner Meinung muss es beispielsweise die Lehrerbewertung, die ja unlängst sehr umstritten war, künftig vielleicht in anderer Form geben. Auch Vorgesetzte müssen sich dem Feedback ihrer Mitarbeiter stellen. Die Instrumente dafür gibt es schon lange, aber kaum eine Firma macht es oder nimmt die Ergebnisse wirklich ernst.

INARA: Was muss bei der Bildung geschehen, um die Jugend zukunftsfit zu machen?
Illsinger: Bildung und zwar nicht nur in der Schule, sondern als lebenslanges Lernen wird im Zeitalter der Transformation und Digitalisierung noch viel wichtiger. Sonst bleibt der Erfolg aus, man ist schnell weg vom Fenster. Laut einer Oxford-Studie wird es in 20 Jahren die Hälfte der heutigen Berufsbilder nicht mehr geben. Das macht die Berufswahl und die Wahl der richtigen Ausbildung für junge Menschen zu einer schwierigen Entscheidung, vor allem auch deshalb, weil die Veränderungen immer schneller vor sich gehen.

INARA: Welche Fähigkeiten werden in der Berufswelt von morgen besonders gefragt sein?
Illsinger: Das World Economic Forum definiert in seinem Future of Jobs Report jedes Jahr die Top 10 Skills. Heuer führen Complexe Problem Solving vor Critical Thinking und Creativity. Lauter Fähigkeiten, die mit reinem Wissen und klassischer Wissensvermittlung wenig zu tun haben, sehr wohl aber mit flexiblem Denken, Ideenreichtum, Mut zum Risiko, Motivation, Feuer und Leidenschaft. Wenn man sich das anschaut, muss man unser heutiges Bildungswesen völlig in Frage stellen. Umso mehr als es Untersuchungen gibt, wonach 95 Prozent der Vorschulkinder kreativ sind, aber nur noch fünf Prozent der 25-jährigen.

INARA: Welche Fehler werden Ihrer Meinung nach in der Bildungspolitik gemacht?
Illsinger: Unser Bildungssystem, das ja noch auf Humboldt zurückgeht, vermittelt nach wie vor vorwiegend Facts & Figures, also reines Wissen, das abgerufen werden kann. Der Diskurs und das kritische Denken kommen viel zu kurz. Hier sollte man ansetzen.

INARA: Was braucht es außer den Top 10 Skills noch?
Illsinger: Wir brauchen lebenslanges Lernen und lebenslange Erfahrung. Nur lernen ist zu wenig und nur Erfahrungen sammeln auch. Erfahrungen sind auch nur dann relevant, wenn die Basics darunter aktuell sind, es also keinen Stillstand gibt. So können Jung und Alt einander gut ergänzen. Auch beim sozialen Aufstieg sowie beim Erhalt des sozialen Status spielen Bildung und lebenslanges Lernen eine ganz entscheidende Rolle. Wir als Digital Society leisten dafür durch breite Wissens- und Informationsvermittlung, sowie in der Förderung des Diskurses unseren Beitrag.

INARA: Läuft auch im Management etwas falsch?
Illsinger: Meist werden jene Mitarbeiter befördert, die in ihrem Tätigkeitsbereich gut sind. Auf Führungsqualitäten und interdisziplinäre Skills wird viel zu wenig geachtet. Das wäre aber gerade in Zeiten der Digitalisierung unbedingt nötig. Routinetätigkeiten erledigt heute der Computer, gefragt sind jetzt eigener Gestaltungswille und Kreativität. Es gibt leider noch immer zu viele autoritäre Führungskräfte, deren Mitarbeiter sich dann logischerweise scheuen, offen und ehrlich ihre Meinung zu sagen. Manager sollten die Leute nicht klein halten, sondern sie wachsen lassen.

INARA: Wie gehen Sie bei Digital Society mit der „digitalen Kluft“ zwischen den Generationen um?
Illsinger: Bei den von uns organisierten Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen unterscheiden wir nicht zwischen den Jungen und der Generation 50plus. Ich halte aber einen verstärkten Diskurs für wichtig, wir sollten Jung & Alt zusammenbringen. Das wäre für beide Seiten spannend, ein Geben und Nehmen, bei dem man voneinander lernen kann.

INARA: Was können die Älteren hier einbringen, die ja meist nicht so IT-affin sind?
Illsinger: Natürlich verfügen die Jüngeren über mehr digitales Wissen als die Generation 50plus, sie haben meist eine rasche Auffassungsgabe, sind unbekümmert und schnell. Doch die ältere Generation hat mehr analytische Fähigkeiten, verfügt meist über erhebliches Verhandlungsgeschick, viel Lebenserfahrung und den Mut, auch Unangenehmes an- und auszusprechen. Wenn man beides kombiniert, ergibt das ein riesiges Potenzial. Das sollten übrigens auch jene Startups nützen, die Produkte und Dienstleistungen für die ältere Generation entwickeln und verkaufen. Natürlich sind die Startup-Gründer meist junge Leute. Im Sinne der Kundenorientierung sollten sie aber auch SeniorInnen in ihre Teams nehmen.


@ Andi Kunar

Website Digital Society: https://digisociety.at/
Website Ing. Werner Illsinger: office@vividity.eu

Autorin: Brigitta Schwarzer