Interview: „Es ist fünf vor zwölf“

Interview: „Es ist fünf vor zwölf“

Last Updated on 2021-09-14
Das Nestor GOLD Gütesiegel zeichnet Unternehmen aus, die ein alterNsgerechtes Arbeitsumfeld für ihre Mitarbeiter schaffen und den Generationendialog innerhalb der Belegschaft fördern. Warum man sich möglichst bald mit dem Thema Generationenmanagement beschäftigen sollte und welche Unternehmen bzw. Organisationen bereits das Gütesiegel bekommen haben, erläutert Susanne Oberleitner-Fulmek, die Initiatorin von Nestor GOLD, im Rahmen eines kürzlich abgehaltenen internationalen ERASMUS-Projektworkshops „21th Century Skills – Keeping Employees on Board”, an welchem auch die Austrian Senior Experts (ASEP) teilnahmen.

Bitte erklären Sie uns zunächst, wofür das Gütesiegel steht?
Susanne Oberleitner-Fulmek: Das Nestor GOLD Gütesiegel wird an Unternehmen und Organisationen verliehen, deren gesamte Organisationsstruktur generationen- und alterNsgerecht gestaltet ist. Vor allem geht es darum, die körperliche und seelische Gesundheit der MitarbeiterInnen sowie ihre Leistungsfähigkeit bis zum gesetzlichen Pensionsantrittsalter zu erhalten. Auch die Altersarmut soll vermieden werden.

Wer steht hinter dieser Aktion und welche Rolle spielen Sie dabei?
Oberleitner-Fulmek: Entwickelt wurde das Gütesiegel vor rund elf Jahren vom Sozialministerium gemeinsam mit dem Wirtschafts- und dem Arbeitsministerium, den Sozialpartner-Organisationen sowie dem AMS. Diese sind auch im Zertifizierungsbeirat vertreten. Ich war eine der Initiatorinnen und arbeite als Beraterin und Assessorin bei Nestor GOLD mit. Verliehen wird das Gütesiegel alle zwei Jahre vom Sozialministerium, die nächste Verleihung findet im Herbst 2021 statt.

Warum ist es so wichtig, dass sich Unternehmen und Organisationen für Generationengerechtigkeit engagieren und was sollten sie konkret tun?
Oberleitner-Fulmek: Durch den demografischen Wandel – vor allem die bevorstehende Pensionswelle bei den Babyboomern – sowie die Digitalisierung und die schrittweise Angleichung des Pensionsalters für Frauen ab dem Jahr 2024 wird es künftig noch wichtiger, Menschen länger gesund und motiviert im Erwerbsprozess zu halten. Denken sie nur daran, wie schwer es Firmen derzeit dabei haben, geeignete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden.

Um den genannten Herausforderungen gerecht zu werden, muss in die MitarbeiterInnen investiert werden – auch in die älteren! – und der Generationendialog in der Belegschaft muss im Sinne eines Miteinander gefördert werden. Dass mehrere Generationen in einem Unternehmen arbeiten, ist ja heute der Normalfall. Zentral ist natürlich ein solides betriebliches Gesundheitsmanagement. Ein Präventionsprogramm muss dabei ebenso vorhanden sein wie Angebote für den Erhalt der psychischen Gesundheit sowie professionelle Wiedereingliederungsmaßnahmen nach längerer Abwesenheit von MitarbeiterInnen.

Wann sollte man damit anfangen?
Oberleitner-Fulmek: Es ist ganz wichtig, sich bereits drei bis fünf Jahre vor der Pensionierung von MitarbeiterInnen mit dem Thema zu beschäftigen. Wenn einmal 30 Prozent der Schlüsselkräfte sich auf einen Schlag in den Ruhestand verabschieden, dann ist es fünf vor zwölf. Nicht alle MitarbeiterInnen zählen die Tage bis zur Pension, viele wollen sich noch engagieren, das muss man unterstützen. Wissen und Erfahrung der älteren MitarbeiterInnen sollten bewahrt, der Wissenstransfer gewährleistet werden. Daher und auch im Sinne der Diversity ist der Generationendialog von enormer Bedeutung. Nicht vergessen sollte man auf MitarbeiterInnen der Generation X (das sind die Geburtsjahrgänge 1965 – 1975). Diese haben im Schnitt noch rund 20 Jahre zu arbeiten, stehen voll im Konkurrenzkampf, haben vielleicht alte Eltern zu pflegen oder pubertierende bzw. kleine Kinder im Haus. Da ist die Burn-out-Gefahr besonders groß, daher müssen Führungskräfte sich dieser Zielgruppe besonders annehmen.

Wie kommt nun ein Unternehmen zum Nestor GOLD Gütesiegel? Kann man sich einfach bewerben?
Oberleitner-Fulmek: Eine simple Bewerbung gibt es bei Nestor GOLD nicht und das Gütesiegel ist auch kein klassischer Award. Bei uns geht es vielmehr um einen Prozess, den ein Unternehmen startet. Ganz wichtig ist das Commitment, sich dauerhaft für das Thema zu engagieren.

Wie läuft der Prozess im Detail ab?
Oberleitner-Fulmek: Sowohl die Führungskräfte als auch die Organisation müssen eingebunden werden. Am Beginn des fünfstufigen Prozesses steht eine Charta, also eine öffentlich bekundete Willenserklärung, gefolgt von einem Status-Workshop, der Erarbeitung eines Maßnahmenplans, der dann umgesetzt und durch ein Assessment begleitet wird. Danach – im Schnitt nach etwa zwei Jahren – ist dieser Organisations- und Personalentwicklungsprozess abgeschlossen und man bekommt das Zertifikat. Nach weiteren drei Jahren ist eine Rezertifizierung vorgesehen.

Was haben Unternehmen davon, wenn sie sich zertifizieren lassen?
Oberleitner-Fulmek: Durch den hier beschriebenen Prozess ist sichergestellt, dass sich das Unternehmen nicht auf den Lorbeeren ausruht, sondern sich im Umgang mit den demografischen Herausforderungen laufend und aktiv weiterentwickelt. Wichtig sind auch der Austausch mit anderen Betrieben und die Good-practice-Anregungen, die wir anbieten. Wer unser Zertifikat hat, kann sich in der Regel über zufriedene MitarbeiterInnen und eine höhere Wettbewerbsfähigkeit freuen.

Können Sie uns einige Maßnahmen nennen, die Unternehmen in Richtung alterNsgerechte Arbeitsplätze setzen können?
Oberleitner-Fulmek: Gesundheitsmaßnahmen sind hier natürlich an erster Stelle zu erwähnen. Weiters könnte man Altersteilzeit ermöglichen oder die meist als belastend empfundene Nachtarbeit ab dem 40. Lebensjahr reduzieren. Daneben wäre es überlegenswert, älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Aufgaben zu übertragen, wo sie ihre über Jahre gesammelte Erfahrung einbringen können. Im Umgang mit schwierigen Kunden oder schwierigen Lieferanten tun sich Mitarbeiter 45 plus oft leichter als die Jungen. Ihr Einsatz im Rahmen von Mentoring-Programmen wäre eine weitere Möglichkeit. Gleichzeitig sollte das lebenslange Lernen für alle Generationen angeboten werden, gerade im Zusammenhang mit der Digitalisierung.

Sollten sich die MitarbeiterInnen dabei beteiligen, also selbst aktiv werden?
Oberleitner-Fulmek: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ebenfalls eine Verantwortung, d.h. sie müssen die Angebote auch nützen. Dazu gehört vor allem, sich selbst klar zu werden, was man braucht, um motiviert, produktiv und gesund arbeitsfähig zu sein und zu bleiben. Diese Bedürfnisse sollte man dann bewusst und sachlich einbringen, statt lediglich im Hintergrund zu jammern oder sich in die innere Kündigung zu flüchten.

Nachhaltigkeitsberichte werden ja heute bereits von vielen Unternehmen erstellt. Sollten diese nicht auch einen Beitrag zum Generationendialog und Generationenmanagement enthalten?
Oberleitner-Fulmek: Aus meiner Sicht wäre das absolut wünschenswert, weil jedes ehrliche Signal nach innen und außen den meist benötigten Kulturwandel unterstützt.

Sie haben schon die AssessorInnen erwähnt, die beim Zertifizierungsprozess eine wichtige Rolle spielen. Wie wird man das und besteht hier ein zusätzlicher Bedarf?
Oberleitner-Fulmek: Personen mit Lebens- und Führungserfahrung, die sich als AssessorInnen engagieren wollen, sind bei Nestor GOLD sehr willkommen. Sie erhalten eine entsprechende Einschulung und werden bei ihren ersten Projekten von erfahrenen AssessorInnen begleitet.

Bitte nennen Sie uns einige Unternehmen und Organisationen, die bereits das Nestor GOLD Gütesiegel bekommen haben.
Oberleitner-Fulmek: Unter den Trägern des Gütesiegels sind der Fonds Soziales Wien, Dräxlmaier Österreich, das Arbeitsmarktservice Wien, die ÖBB Infrastruktur AG mit ihrer Immobiliengesellschaft, das Reinigungsunternehmen Simacek, die Sonnentor Kräuterhandels-GesmbH, das Finanzamt Hollabrunn Korneuburg Tulln sowie das Geriatriezentrum Favoriten – also eine recht bunte Palette.

Zum Abschluss noch eine Frage: Wie kam das Gütesiegel zu seinem Namen?
Oberleitner-Fulmek: Namenspate für das Gütesiegel ist der altgriechische Herrscher Nestor aus Homers Ilias, der aufgrund seiner (Alters-)Weisheit, seiner rhetorischen Begabung und seines Muts ein wichtiger Mentor und Ratgeber Agamemnons war und zudem als Diplomat und Berater für andere Herrscher wirkte.

Weitere Informationen zu Nestor GOLD: https://www.usp.gv.at/foerderungen-ausschreibungen/preise-auszeichnungen-und-wettbewerbe/guetesiegel-nestor-gold.html


@ Renée del Messier

Susanne Oberleitner-Fulmek, MSc, ist Organisationsentwicklerin & Leadership Coach und Geschäftsführerin der ViAcona GmbH

www.viacona.at, www.via-academy.at

www.asep.at

Autorin: Brigitta Schwarzer