Interview: Faszination Börse

Interview: Faszination Börse

Die Ärztin Marianne ist seit Jahren auch am Kapitalmarkt erfolgreich aktiv. Ihr „Rezept“: ein bisschen Begabung, viel Disziplin und Ausdauer sowie ein Quäntchen Glück.

INARA: Wie kommt eine Medizinerin wie Sie dazu, sich intensiv mit der Börse zu beschäftigen?
Marianne: Ich war viele Jahre in Vorarlberg als Ärztin sehr beschäftigt. Zum Geldausgeben blieb wenig Zeit. Über einen Bekannten bin ich zu einer Privatbank gekommen und habe zunächst unter Expertenanleitung amerikanische und kanadische Unternehmensanleihen gekauft. Es ist gut gelaufen bei der damaligen Hochzinsphase, sodass ich mein erstes Geld an der Börse verdienen konnte.

INARA: Und wie ist es dann weitergegangen?
Marianne: Ich war natürlich sehr motiviert und wollte unbedingt weitermachen. Mir war aber auch Information sehr wichtig, ich wollte alles wissen und verstehen. Internet gab es noch nicht, also habe ich alles an verfügbarer Fachliteratur „verschlungen“, sowohl Bücher als auch deutsche und Schweizer Finanzfachmagazine. Alles habe ich durchgearbeitet, dabei viel gelernt und viel ausprobiert. So kam es zu meinen ersten Aktieninvestments mit Fokus auf die Gesundheits- und Pharmabranche, da ich mich hier thematisch gut ausgekannt habe. Das hat sich dann schrittweise weiterentwickelt.

INARA: Ihre Geschichte erinnert an wenig an jene von Beate Sander. Die hat erst mit über 60 den Kapitalmarkt „entdeckt“, mittlerweile ist sie 82 und eine ausgewiesene und sehr erfolgreiche Börsenexpertin.
Marianne: Ich bin um einiges jünger als Beate Sander und betätige mich schon seit Mitte der Achtzigerjahre am Kapitalmarkt. Dabei habe ich meine eigene Strategie entwickelt, die sich allerdings nicht allzu sehr von jener meiner deutschen „Kollegin“ unterscheidet.

INARA: Von welchen Prinzipien lassen Sie sich an der Börse leiten?
Marianne: Man sollte immer bloß überschaubare Beträge investieren, deren Totalausfall man zur Not verkraften könnte, und das Verlustrisiko durch Stop-Loss-Orders begrenzen. Mut zum (dosierten) Risiko ist wichtig, man sollte sich an der Börse auch nicht allzu sehr von seinen eigenen Gefühlen leiten lassen und immer am Boden der Realität bleiben. Meine Strategie ist es, unterschiedliche Anlagehorizonte im Blickfeld zu haben. Manche Aktien kaufe ich, um sie schnell wieder zu verkaufen, andere halte ich für lange Zeit.

INARA: Sie haben ja die Palette der Finanzinstrumente, in die Sie investieren, beträchtlich ausgeweitet. Wie kam es dazu?
Marianne: Ein Anschub war für mich die Dotcom-Blase rund um die Jahrtausendwende. Auch der Neue Markt an der Frankfurter Börse hat mich interessiert. Damals habe ich begonnen, mich im Detail mit den Geschäftsmodellen der Firmen zu beschäftigen, um deren Überlebenschancen besser einschätzen zu könne. Vor einigen Jahren fiel mir ein Buch über Optionsscheine in die Hände. Die Materie hat mich interessiert und deshalb bin ich eingestiegen. Etwa 2010 habe ich mit dem Handel mit Devisen begonnen. Aber natürlich erst, nachdem ich mir einen Überblick über den Markt und die einzelnen Anbieter verschafft habe. Als stabilisierenden Faktor habe ich auch weiterhin Anleihen im Portfolio. Die sollte man aber ein oder zwei Jahre vor dem Ende der Laufzeit verkaufen, da erzielt man oft einen schönen Kursgewinn.

INARA: Waren Sie mit Ihren Transaktionen immer erfolgreich oder gab es auch Verluste?
Marianne: Im Laufe der Jahre habe ich an der Börse viel erlebt und viel gelernt, vor allem, dass es schnell bergauf geht, aber noch schneller bergab. Natürlich habe auch ich das eine oder andere Mal danebengegriffen, aber bei Aktien und Anleihen habe ich bis jetzt eigentlich immer Erfolg gehabt.

INARA: Wie wichtig ist Information für ein erfolgreiches Agieren an der Börse und wo bekommt man diese?
Marianne: Um Anlageentscheidungen treffen zu können, ist eine möglichst umfassende Information enorm wichtig. Als ich mit Wertpapieren begonnen habe, war es noch schwierig, heute ist alles viel leichter. Über das Internet ist man als Anleger hautnah und ganz aktuell an der Entwicklung der Wertpapiermärkte dran. Es gibt mittlerweile auch eine breite Palette an Informationsveranstaltungen, Events, Webinaren usw. Das alles erleichtert die eigenen Entscheidungen erheblich. Ich informiere mich politisch derzeit vor allem über den deutschen Rundfunk, da werden viele Themen auf hohem Niveau abgehandelt. Natürlich lese ich auch weiterhin einschlägige Fachzeitschriften und Bücher, die ich über Amazon kaufe. Viele Bücher gibt es ja nur auf Englisch, die bekommt man sonst nirgends.

INARA: Gibt es bestimmte Charaktereigenschaften, die zu Ihrem Erfolg an der Börse beigetragen haben?
Marianne: Ich bin zahlenaffin und war gut in Mathematik. Das hilft an der Börse sicher. Außerdem war ich immer neugierig und an neuen Materien interessiert. Ich habe einen wachen Geist, der muss beschäftigt werden, sonst wird mir schnell langweilig. Außerdem war ich schon immer entschluss- und entscheidungsfreudig, das ist für die Börse schon eine conditio sine qua non.

INARA: Dreht sich bei Ihnen alles um die Börse?
Marianne: Ich versuche, körperlich, geistig und sozial fit zu bleiben. Dazu kommt, dass ich mich gerne bewege und auch ausgiebige Wandertouren mache. Ich lebe also nicht für den Kapitalmarkt, aber er nimmt schon einen wesentlichen Teil meines Lebens ein, einige Stunden pro Tag beschäftige ich mich damit. Die Börse ist spannender als vieles andere, es tut sich immer etwas. Beim Besuch von Veranstaltungen bin ich mittlerweile sehr selektiv geworden, aber bei der Börsianer-Roadshow, der Gewinnmesse, bei Events der Wiener Börse und bei diversen Hauptversammlungen bin ich natürlich dabei. Innerhalb der Community kennt man einander, es gibt immer interessante und abwechslungsreiche Gespräche.

INARA: Wie beurteilen Sie die neuen Trends an den Kapitalmärkten?
Marianne: Da gibt es viele interessante Entwicklungen, die mich umtreiben. Green Finance ist beispielsweise ein Bereich, den man genau verstehen muss. Das Risiko ist hier ein anderes als bei herkömmlichen Branchen. Nicht alles, was „grün und nachhaltig“ ist, bringt auch Renditen, vor allem Privatinvestoren sollten da sehr gut aufpassen. In Bitcoins bin ich derzeit nicht investiert. Ich beobachte aber die Entwicklung genau und schließe ein künftiges Engagement nicht aus. Vor allem Bitcoin-Aktien, also Aktien von Unternehmen, die Bitcoins oder andere Kryptowährungen in ihr Geschäftsmodell integriert haben, sollte man sich anschauen. Die können ein Instrument zur Risikostreuung sein, ähnlich wie Immobilienaktien als Alternativen zu physischen Immobilien.

INARA: Welchen Ratschlag geben Sie einem Börsenneuling?
Marianne: Es geht nicht darum, große Summen zu veranlagen. Besser ist es, jeden Monat einen kleinen Betrag zu investieren, da kommt über die Jahre schon etwas zusammen. Wertpapiere sind vor allem in Zeiten der Nullzinsen wichtig. Früher haben die höheren Zinsen das Sparen schon erleichtert. Allein der Zinseszinseffekt hat damals maßgeblich zum Vermögensaufbau beigetragen, auf den muss man in den kommenden Jahren wohl verzichten. Wichtig ist auch, das Risiko immer zu streuen und nur jene Investments zu machen, die man auch wirklich bis ins Detail versteht.

Autorin: Brigitta Schwarzer