Interview: „Frauenförderung darf kein Feigenblatt sein“

Interview: „Frauenförderung darf kein Feigenblatt sein“

„Expedition Elly“ heißt das Gender-Balance-Programm der Österreichischen Post AG. Mag.a Verena Knott-Birklbauer leitet das Projekt und berichtet im INARA-Gespräch über Ziele & Zukunftspläne.

INARA: Welche Position haben Sie in der Österreichischen Post AG und welche Karriereschritte haben Sie davor gemacht?
Mag.a Verena Knott-Birklbauer: Ich habe an der WU Wien Betriebswirtschaft studiert und mich dabei auf Revision und Treuhandwesen spezialisiert. Nach einigen Jahren in der Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung bei der KPMG kam ich 1999 zur Post. Etwas neu aufbauen liegt mir, das konnte ich unter anderem 2002 bei der Einführung von Post.Billing unter Beweis stellen, einer Organisationseinheit und Servicestelle für Fakturierungslösungen. Als die Post 2006 an die Börse ging, war ich im Kernteam zur Vorbereitung dieser Transaktion und war auch darüber hinaus immer wieder als Pionierin in organisationsinternen Veränderungsprozessen tätig. 2012 übernahm ich dann die Leitung des Konzern-Rechnungswesens der Österreichischen Post AG samt Prokura.

INARA: Was gehört zu Ihrem Aufgabengebiet und wie viele MitarbeiterInnen haben Sie?
Knott-Birklbauer: Der Bereich Konzern-Rechnungswesen umfasst die Bilanzierung, die Konzern-Konsolidierung, die Steuerabteilung sowie das Financial Shared Service Center. Außerdem leite ich das Treasury und verantworte damit insgesamt rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

INARA: Seit einiger Zeit sind Sie zusätzlich für ein ganz spezielles Projekt verantwortlich. Was ist das genau?
Knott-Birklbauer: Seit Anfang 2018 bin ich Leiterin der „Expedition Elly“, eines Leuchtturmprojekts, welches sich für ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis im Unternehmen einsetzt. Es soll die Österreichische Post AG als Arbeitgeberin noch attraktiver machen und die Vielfalt der Post stärken und sichtbarer machen.

INARA: Woher kommt der Name und weshalb wurden gerade Sie mit der Leitung betraut?
Knott-Birklbauer: Das Projekt ist nach Elly Beinhorn benannt. Als mutige Fliegerin hat sie anspruchsvolle Reisen unternommen. Mit der Expedition Elly begeben auch wir uns auf eine herausfordernde Reise – hin zu einer Kultur, die sich für Gender Balance einsetzt. Ich habe immer schon Chancen aktiv gesucht und genutzt und bin mit Pionierarbeit und meiner Leidenschaft für Veränderungsprozesse meinen Weg in der Post gegangen. Mit der gleichen Leidenschaft möchte ich nun für das Thema Vielfalt begeistern. Dazu fördere ich als Führungskraft Talente beider Geschlechter und gebe Vielfalt in meinen Entscheidungsprozessen Raum und Gewicht. Schirmherrinnen des Projekts sind die Aufsichtsratsvorsitzenden der Post Dr.in Edith Hlawati und Mag.a Edeltraud Stiftinger.

INARA: Waren Diversity und Geschlechtergerechtigkeit für die Österreichische Post AG früher kein Thema?
Knott-Birklbauer: Vor der „Expedition Elly“ gab es bereits viele Einzelinitiativen, die aber noch nicht nachhaltig genug wirkten. Nun widmen wir uns den Themen erstmals mit einem umfassenden strategischen Gesamtkonzept, mit dem wir gezielt die geschäftsrelevanten Vorteile eines ausgewogenen Geschlechteranteils in den Mittelpunkt stellen.

INARA: Im Aufsichtsrat ist die Frauenquote per Gesetz vorgeschrieben. Aber wie sieht es bei den operativen Führungspositionen aus?
Knott-Birklbauer: Wir sind stolz, dass die Post den Frauenanteil im Aufsichtsrat sogar übererfüllt. Denn im Aufsichtsrat sind insgesamt fünf Frauen vertreten darunter die Vorsitzenden, was einem Anteil von über 40 Prozent entspricht. Obwohl auch im Management innerhalb der Post Frauen zunehmend Führungspositionen übernehmen, gibt es in diesem Bereich noch Potenzial nach oben.

INARA: Wie sind Sie an die „Expedition Elly“ herangegangen?
Knott-Birklbauer: Ich habe zunächst dem Vorstand ein erstes Konzept zur Vorgehensweise vorgestellt und danach in einer unternehmensweiten Projektgruppe eine Strategie ausgearbeitet. In der Folge haben wir ein Gender-Balance-Team aufgebaut mit 2,5 MitarbeiterInnen, darunter einer Expertin mit wissenschaftlicher Expertise. Ich selbst wende etwa ein Fünftel meiner Arbeitszeit für das Projekt auf, das ist mit meiner Verantwortung für das Konzern-Rechnungswesen und das Treasury gut vereinbar. In der Funktion stelle ich das Projekt auch bei Veranstaltungen wie dem jährlichen Stakeholder Round Table der Post, externen Podiumsdiskussionen wie auch internen Veranstaltungen vor.

INARA: Gibt es Parallelen zwischen Ihrem angestammten Bereich, dem Konzern-Rechnungswesen, und dem Gender-Balance-Projekt?
Knott-Birklbauer: Beide Bereiche sind zurzeit stark im Wandel, sehr dynamisch und sie befruchten einander. Bei beiden geht es um Dienstleistungen, konzeptionelle Tätigkeiten und Prozessorientierung. Und in beiden Bereichen ist ein sehr kreatives Rollenverständnis erforderlich. Auch im Konzern-Rechnungswesen leben wir Vielfalt, in dem ich bewusst Frauen und Männer, junge und ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und verschiedene Sichtweisen fördere.

INARA: Von Frauenförderung ist derzeit landauf landab die Rede. Was genau erwartet sich die Post konkret von der „Expedition Elly“?
Knott-Birklbauer: Ein Gender-Balance-Programm darf kein Feigenblatt sein. Wir wollen alle Potenziale ausschöpfen, die die Reichhaltigkeit der Post bietet. Es hat sich gezeigt, dass gemischte Teams erfolgreicher sind, darum setzen wir auf Vielfalt. Eine Monokultur führt zu anderen Entscheidungen als gelebte Diversität. In der Post ist mehr als ein Drittel der Belegschaft weiblich. Noch zu wenige unserer Mitarbeiterinnen wurden bisher gezielt gefördert. Dabei geht es nicht nur um Führungsfunktionen, sondern auch um Perspektiven für Expertinnen und Weiterentwicklung an der Basis. Gute Leute zu finden und sie langfristig zu begeistern ist für das Unternehmen wichtig. Dazu tragen Durchlässigkeit und eine offene Unternehmenskultur, die nicht nur Frauen, sondern auch jüngere Generationen ansprechen, enorm bei.

INARA: Wie stehen Sie zur Teilzeitarbeit, die in Österreich bei Frauen, vor allem bei denen mit Kindern, sehr beliebt ist?
Knott-Birklbauer: Bei uns arbeiten viele Frauen, aber auch zunehmend Männer in Teilzeit. Die Post ist ein Unternehmen, welches die Vereinbarkeit von Beruf und Familie dezidiert fördert. Gleichzeitig zeigen aber Studien, dass Teilzeitarbeit in struktureller Hinsicht Risiken bezüglich monetärer Einkommenseinbußen und eingeschränkter Karrierechancen birgt. Wir möchten im Rahmen von aktivem Karenzmanagement MitarbeiterInnen ermöglichen, dieses breite Spektrum an Kriterien in ihren Entscheidungen zu berücksichtigen und sie als Unternehmen so gut wie möglich dabei unterstützen. Gerade darum ist es uns wichtig, dass wir bei der Post uns in Richtung weiterer Arbeitszeitflexibilisierung, Homeoffice und aktivem Karenzmanagement engagieren.

INARA: Was wollen Sie mit der „Expedition Elly“ in einigen Jahren erreicht haben?
Knott-Birklbauer: Mein Ziel ist, dass die Post durch die „Expedition Elly“ ein Vorbild unter den österreichischen Unternehmen wird. Wir Frauen müssen die Sprache des Top-Managements sprechen, um nachhaltig zu überzeugen. Wenn wir das in den nächsten Jahren schaffen, wird es durchlässigere Prozesse und eine offenere Unternehmenskultur geben. Die besten Talente können entsprechend ihrer Fähigkeiten optimal eingesetzt werden. Mit einer ausgewogeneren Geschlechterbalance legen wir den Grundstein für weitere Diversitätsdimensionen und positionieren die Post auf dem Gebiet als federführend. Wir sind schon jetzt eine Vorreiterin auf vielen Gebieten und werden es dann in einem noch größeren Ausmaß sein.

INARA: Kann man den Erfolg eines Programms wie der „Expedition Elly“ irgendwie beziffern? Und gibt es in der Logistikbranche, die ja bisher nicht als besonders frauenfreundlich galt, auch andere Unternehmen, die auf Diversity und Geschlechtergerechtigkeit setzen?
Knott-Birklbauer: Als Betriebswirtin und Zahlenmensch ist mir die Messbarkeit wichtig. Wir messen unseren Erfolg über Ziele und Kennzahlen. So hat die Post 2018 als erstes österreichisches Unternehmen an der Indexierung durch den Frauen-Karriere-Index (FKI) teilgenommen. Der FKI ist ein unabhängiges Messinstrument, das für Unternehmen und Organisationen jeder Größe und Branche nutzbar ist und untersucht, wie sich Frauen auf verschiedenen Führungsebenen in ihren Karrieren entwickeln. Die Deutsche Post DHL Group, eine „Branchenkollegin“ von uns, hat vor kurzem für ihre Initiative zur Förderung des Frauenanteils in Führungspositionen den internationalen Catalyst Award gewonnen. Solche Auszeichnungen zählen und wirken nach, daran werden Unternehmen auch gemessen. Diesen Preis möchte ich für die Österreichische Post auch einmal erhalten.

Website „Expedition Elly“: https://globalcompact.at/zehnprinzipien/oesterreichische-post-ag/

Website Österreichische Post Aktiengesellschaft: www.post.at

Autorin: Brigitta Schwarzer