Interview mit Cecily Corti: „Die VinziRast ist ein Teil von mir“

Interview mit Cecily Corti: „Die VinziRast ist ein Teil von mir“

Cecily Corti stammt aus einer alten steirischen Familie. Sie erlebte als Kind selbst Flucht und Vertreibung, ihr Vater wurde verschleppt und ermordet. Jahre nach dem Tod ihres Mannes, des Regisseurs Axel Corti, begann ihr intensives soziales Engagement. Jetzt startet die Gründerin der VinziRast in einen neuen Lebensabschnitt.

 

INARA: Sie haben sich aus dem Sozialprojekt VinziRast, das Sie lange Jahre geleitet haben, zurückgezogen. Welche Gefühle begleiten Sie dabei?
Cecily Corti: Vor allem eine große Erleichterung. Ich habe die Verantwortung für alle VinziRast-Einrichtungen an Veronika Kerres, meine langjährige Stellvertreterin im Verein, abgegeben. Nach 15 Jahren ist es Zeit, an eine Veränderung zu denken, das tut allen gut und hält lebendig. Ich war seit der Gründung mit diesem Engagement Tag und Nacht verbunden, da ist nur ein radikaler Schnitt möglich. Aber natürlich bleiben die VinziRast und ihre Menschen in meinem Herzen verwurzelt. Mein Alltag hat sich total verändert, auch wenn ich noch nicht zur ersehnten Einfachheit und Stille gekommen bin. Ich bleibe ein engagierter Mensch.

INARA: Was genau ist VinziRast und welche Projekte gehören dazu?
Corti: VinziRast ist eine unabhängige offene Gemeinschaft, die sich ausschließlich durch private Spenden finanziert und sich zum Ziel gesetzt hat, obdachlosen Menschen ein Zuhause zu bieten. Der entscheidende Funke ist vom steirischen Pfarrer Wolfgang Pucher auf mich übergesprungen. 2004 haben wir in Wien-Meidling die Notschlafstelle VinziRast eröffnet, nach einem Umbau und einer Erweiterung wurde die Einrichtung zum VinziRast-CortiHaus. Außerdem betreiben wir eine WG für alkoholkranke Menschen. VinziRast-mittendrin im 9. Bezirk, wo Studierende und ehemals Obdachlose gemeinsam leben, arbeiten und lernen, kam 2013 dazu. Dort befindet sich im Erdgeschoß das Lokal „mittendrin“. Darüber hinaus ist vor etwas mehr als zwei Jahren ein Projekt für asylberechtigte Flüchtlinge entstanden.

INARA: Wie sind Sie in das Sozialprojekt VinziRast hineingewachsen?
Corti: Natürlich hat das eine längere Vorgeschichte, das heißt, es ist sicherlich das Ergebnis eines Reifungsprozesses in mir und gleichzeitig sind es immer auch äußere Einflüsse, die irgendwann den entscheidenden Impuls geben. Als ich 2004 mit der Notschlafstelle begonnen habe, starteten wir bei null. Es gab viel Skepsis. Niemand traute uns diese schwierige Aufgabe zu. Für mich ging es ja vor allem darum, einen Ort der Übung zu schaffen, um Bewusstsein zu entwickeln für die Qualität der Beziehung unter uns Menschen. Also kein Urteil, kein Vorurteil und keine Erwartung standen im Vordergrund. Das ist eine Herausforderung für uns alle. Wir haben viel gelernt.

INARA: Wie gehen Sie mit obdachlosen Menschen um?
Corti: Wir nennen sie unsere „Gäste“ – in erster Linie haben wir Respekt für das Schicksal jedes Einzelnen. Pro Nächtigung inklusive Frühstück und einem reichlichen Abendessen bitten wir um zwei Euro. Aber niemand wird abgewiesen, wenn er oder sie nicht zahlen kann. Wir wollen vermeiden, dass sich jemand als Almosenempfänger fühlt, daher die Bitte um diese geringe Gegenleistung. Außerdem nehmen wir auch Hunde auf, die von unseren Gästen mitgebracht werden.

INARA: Wenn Sie heute auf Ihr Leben zurückschauen. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Corti: Eigentlich schaue ich nicht zurück. Ich fühle mich immer noch sehr im Leben. Die Präsenz im Augenblick zählt. Ich bin neugierig, was noch auf mich zukommt.

INARA: Welche Art von Menschen sollte man um sich haben?
Corti: Das ergibt sich ganz von selbst. Durch die eigenen Interessen und ein ausgeprägtes Engagement entsteht ein Umfeld von Freunden und Gleichgesinnten, denke ich. Außerdem haben mich immer Menschen angezogen, die ich als sehr eigenständige Personen wahrgenommen habe.

INARA: Was werden Sie in Zukunft unternehmen, wenn Sie wieder mehr Zeit für sich haben?
Corti: Ich bin neugierig, was noch auf mich zukommt. Zurzeit bin ich sehr gefordert in meiner Familie. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich denke, das habe ich gelernt: Flexibel zu sein und Unbekanntes, Überraschendes zuzulassen. Und mein Interesse für Menschen hat ja nicht aufgehört.

INARA: Mit 78 noch neugierig zu sein – ist das nicht ungewöhnlich?
Corti: Oh nein! Es gibt noch so viel zu entdecken. In mir und in der Welt. Das ist doch spannend.

INARA: Aus der Sicht eines älteren Menschen, der auf jede Menge Lebenserfahrung zurückgreifen kann: Was stört Sie an der heutigen Zeit besonders?
Corti: Alles ist scheinbar machbar. Und die Kurzlebigkeit macht mir Sorgen, ob es Moden, Partnerschaften, Jobs, politische oder sogar religiöse Zugehörigkeiten sind, alles wechselt schnell. Das verursacht – wie ich meine – Orientierungslosigkeit und Angst. Und das lässt sich populistisch nutzen.

Website: www.vinzirast.at

Autorin: Dr. Brigitta Schwarzer, MBA