Interview mit Martha Schultz: Erfolgsrezept Netzwerken

Interview mit Martha Schultz: Erfolgsrezept Netzwerken

Sie ist Geschäftsführerin der im Tourismus tätigen Schultz-Gruppe, Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) und des Wirtschaftsbundes sowie Bundesvorsitzende von Frau in der Wirtschaft (FiW): Das alles bringt Martha Schultz mit viel Engagement und Kompetenz unter einen Hut und pendelt dafür ständig zwischen Tirol und Wien. Besonders wichtig sind ihr die Anliegen von Unternehmerinnen.

INARA: Rund 120.000 Unternehmerinnen gibt es aktuell in Österreich, fast jedes zweite Start-up hierzulande wurde zuletzt von einer Frau gegründet. Mit welchen Herausforderungen sehen sich diese Frauen konfrontiert?

WKÖ-Vizepräsidentin Martha Schultz: Die größten Herausforderungen sind die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, alte traditionelle Rollenbilder sowie – ebenso wie für männliche Unternehmer – die überbordende Bürokratie in Österreich. Bei allen drei Punkten muss angesetzt werden. Wir brauchen einerseits ein gesellschaftliches Umdenken, vor allem wir Frauen müssen aus den überkommenen Rollenbildern herauskommen. Andererseits sind auch konkrete Maßnahmen wie Bürokratieabbau und vor allem der Ausbau einer guten Kinderbetreuung nötig.

INARA: Sie halten viel vom Netzwerken. Wie können besonders Frauen davon profitieren?

Schultz: Ich appelliere an die Frauen, das Netzwerken zu intensivieren. Dabei können wir durchaus von den Männern lernen. Die praktizieren Netzwerken ja schon seit 2000 Jahren und treffen sich regelmäßig zum sonntäglichen Stammtisch. Auch Studentenverbindungen sind ein Beispiel für erfolgreiche Netzwerke. Davon sollten wir Frauen uns etwas abschauen. Schon kleine Netzwerke sind positiv, aber es ist gerade für uns Frauen wichtig, sich auch größeren anzuschließen – natürlich auch gemischten. Wir in der WKÖ wollen ebenfalls Frauen mit Männern vernetzen. Deshalb schließen wir auch bei eigentlich für Frauen konzipierten Veranstaltungen Männer niemals aus – und es kommen meistens auch einige. Was wir noch von den Männern lernen können: Sie können miteinander Geschäfte machen, ohne beste Freunde zu sein.

INARA: Wie sehen Sie die Rolle der Wirtschaftskammer? Als Teil der Sozialpartnerschaft steht sie ja ebenso wie die Arbeiterkammer immer wieder in der Kritik.

Schultz: Ich bin Interessensvertreterin mit Leib und Seele – ebenso wie Unternehmerin. In beiden Funktionen braucht man viel Herzblut und Idealismus. Statt von außen zu kritisieren bin ich selbst seit dem Jahr 2004 in der WKÖ und nutze so die Möglichkeit, mitzugestalten und zu verändern.

INARA: Die WKÖ und der Wirtschaftsbund – beides früher reine Männerdomänen – beschäftigen sich seit geraumer Zeit verstärkt mit dem Frauen-Thema. Was wurde bisher erreicht?

Schultz: Frau in der Wirtschaft macht viel für die Frauen, Netzwerktreffen, Info-Veranstaltungen usw. Wir sind in allen Bezirken Österreichs vertreten. Niemand außer der WKÖ hat den Fokus so klar auf Frauen in der Wirtschaft gelegt. Der langjährige Präsident Leitl hat uns Frauen immer enorm unterstützt und Harald Mahrer, der neue Präsident, tut dies ebenso. Auch die Funktionärsverteilung männlich/weiblich ist schon wesentlich ausgewogener als noch vor einigen Jahren. Das Präsidium ist gendermäßig 50:50 besetzt, die Generalsekretärin-Stv. ist eine Frau.

INARA: WKÖ, Wirtschaftsministerium und Industriellenvereinigung haben gemeinsam die Initiative „Zukunft. Frauen“ entwickelt. Welches Ziel hat sie und wie ist die Initiative bisher gelaufen?

Schultz: Ziel dieser Initiative ist es, qualifizierte Frauen auf ihrem Weg in die Führungsetagen zu unterstützen und sie gezielt auf Aufsichtsrats- und Managementpositionen vorzubereiten. Mittlerweile ist „Zukunft.Frauen“ eine Erfolgsgeschichte, im Februar 2019 starten wir bereits mit dem 15. Durchgang. Das Zukunft.Frauen-Programm geht in die DNA der Frauen zurück. Eine Reihe von Mandaten wurde bereits über dieses Netzwerk und die Datenbank besetzt. Elf Prozent der Absolventinnen haben ein Mandat erhalten, 71 Prozent konnten die nächste Stufe der Karriereleiter erklimmen. Ich mache gerne Werbung für diese Lehrgänge.

INARA: Die Absolventinnen des Programms scheinen in einer eigenen Datenbank auf. Welchen Zweck verfolgen Sie damit? Und was empfehlen Sie den Frauen, die ein Mandat anstreben?

Schultz: Wir wollen damit das Potenzial von topqualifizierten weiblichen Führungskräften sichtbar machen. In unserer Datenbank können sich Aufsichtsrätinnen, die Absolventinnen von „Zukunft.Frauen“ oder anderer Programme mit aufsichtsratsrelevanten Inhalten eintragen lassen. Derzeit gibt es in dieser Datenbank 648 Eintragungen. Frauen sollten immer wieder schauen, wo Mandate auslaufen und sie sich bewerben können. Auch hier geht es wieder um das Netzwerken und zwar mit Frauen und Männern.

INARA: Wie stehen Sie zur Frauenquote und was entgegnen Sie jenen, die behaupten, dass es einfach zu wenige qualifizierte Frauen für Führungspositionen gibt?

Schultz: Ich bin nicht für die verpflichtende weibliche Quote. Frauen sind quer durch die Wirtschaft im Vormarsch, auch wenn da und dort durchaus noch ein höheres Tempo wünschenswert wäre. Dazu braucht es aber keine Zwangsbeglückung, sondern die richtigen Rahmenbedingungen, damit Beruf und Familie besser vereinbar sind. Außerdem stimmt es einfach nicht, dass es für manche Bereiche keine geeigneten Frauen gibt. Wir bekommen im Rahmen unserer Datenbank viele An- und Rückfragen.

INARA: Was ist wichtig für Frauen und welche Fehler sollten sie vermeiden?

Schultz: Wichtig für uns Frauen sind gute Ausbildung, selbstbewusstes Auftreten und das Wissen, was die eigene Arbeit wert ist. Bei der Berufswahl würde ich den Frauen noch mehr Mut als bisher empfehlen. Auch die Soft Skills sind sehr wichtig. Hier versuche ich, ein Role Model zu sein. Jede Frau sollte sich ein Vorbild suchen und sich an diesem orientieren. Wir versuchen, das auf allen Ebenen zu unterstützen z.B. durch Mentoring-Programme. Ablegen sollten die Frauen ihre Verbissenheit, man muss nicht überall perfekt sein. Männer sind da viel lockerer. Und auf Äußerlichkeiten – etwa Schuhe oder Kleidung – sollten Frauen weniger Wert legen.

INARA: Welche Ziele haben Sie als ranghöchste Frau in der WKÖ?

Schultz: Ich habe keine qualitativen Ziele, aber wir sind auf einem guten Weg. Man hört uns, man sieht uns, wir sind also sichtbar. Wir haben auch immer mehr Frauen auf den Podien. Ich habe viele Themen eingebracht, versuche z.B. Frauen zu unterstützen, die in den Export einsteigen möchten. Mit Stolz kann ich sagen, mein Team und ich haben viel dazu beigetragen, dass sich die Situation der Frau in der Wirtschaft in Österreich in den letzten Jahren verbessert hat. Diesbezüglich haben wir gegenüber Skandinavien, das sonst in Sachen Frauengleichstellung oft als beispielhaft gilt, die Nase vorne.

INARA: Sind Ihrer Meinung nach Frauen oder Männer die besseren Unternehmer?

Schultz: Es gibt Vergleiche, die belegen, dass Frauen Unternehmen nachhaltiger führen. Sie sind vorsichtiger, finanzieren mit weniger Risiko und mehr Sicherheit, gründen überlegter, wachsen beständiger usw.

Website: www.wko.at

Autorin: Dr. Brigitta Schwarzer, MBA

Fotocredit: Inge Prader