Interview mit Susanne Stuppacher: „Nicht älter, sondern weiser“

Interview mit Susanne Stuppacher: „Nicht älter, sondern weiser“

Last Updated on 2019-02-13

Bei der Jobplattform WisR finden arbeitswillige Silver Ager neue Jobs. Wie das funktioniert, was die Babyboomer auszeichnet und warum der „Jugendwahn“ mancher Firmenchefs bald enden wird, erläutert Susanne Stuppacher, Head of Sales bei WisR.

INARA: Was genau ist WisR? Und wer gehört zu Ihrer Zielgruppe?
Susanne Stuppacher: WisR („weiser“) ist eine Jobvermittlungsplattform für aktive Pensionisten und für Unternehmen, die flexible und erfahrene Arbeitskräfte suchen. Beide Seiten können sich an uns wenden. Gegründet wurde WisR im Jahr 2017, ich bin hier seit dem Sommer 2018 als Head of Sales tätig. Wir sind ein junges Startup mit einem jungen Team. Ich hingegen gehöre zu den Babyboomern, das macht unseren Auftritt authentischer.

INARA: Warum interessieren sich Firmen zunehmend für Silver Ager?
Stuppacher: Das hängt vor allem mit der demografischen Entwicklung zusammen. In Österreich wurden zwischen 1956 und 1969 rund 1,7 Millionen Babyboomer geboren, das war die geburtenstärkste Generation, die es je gegeben hat. Diese Babyboomer gehen nun schrittweise in Pension, was den Fachkräftemangel, den es schon jetzt gibt, gravierend verschärfen wird. Da kann es hilfreich sein, wenn Menschen auch nach dem Regelpensionsalter (derzeit 65 Jahre für Männer und 60 Jahre für Frauen) weiterarbeiten.

INARA: Was zeichnet die Babyboomer aus, „ticken“ sie anders als die ältere Generation früher?
Stuppacher: Unser Anspruch ist, „weise“ Vorbilder für die Jungen zu sein. Wir sind eine Generation, die einen reichen Erfahrungsschatz bietet. Babyboomer haben in ihrem Leben enorm viele Veränderungen erlebt. Der Wechsel zum Internet war sicher größer als es die Umstellung auf Industrie 4.0 sein wird. Schon aufgrund unserer großen Zahl sind wir nicht übersehbar. Wir können die Welt revolutionieren, weil wir die erste Generation sind, der sich aufgrund besserer Gesundheit und gestiegener Lebenserwartung die Qualität des Alters eröffnet.

INARA: Sie gehören ja selbst zu den Silver Agers, wie waren Ihre beruflichen Stationen bisher?
Stuppacher: Ich komme ursprünglich aus dem Textildesign und bin auch noch heute künstlerisch tätig. Bei Virgin Megastores habe ich nach der Karenz als Samstagsaushilfe begonnen und es bis zur Geschäftsführerin gebracht. Im November 2009 startete ich bei Cineplexx im Bereich Human Resources / Personalentwicklung & Recruiting. Nach fast acht Jahren Zugehörigkeit und im 57sten Lebensjahr stehend, habe ich gekündigt, weil die Karriereleiter besetzt war und ich mich noch einmal neu erfinden wollte. Schon bei Cineplexx habe ich durch meine Recruiting-Tätigkeit festgestellt, wie schwierig es für Personen über 50 ist, einen adäquaten Job zu finden. In kleineren Firmen ist es etwas leichter. Große Firmen haben hingegen starke Vorbehalte, sie sind eher dem „Jugendwahn“ verfallen.

INARA: Welche Art der Beschäftigung suchen Pensionisten und warum wollen viele wieder arbeiten?
Stuppacher: Viele Menschen suchen auch im Ruhestand eine sinnerfüllende Tätigkeit, oft nicht Vollzeit, sondern nur stundenweise oder für eine bestimmte Zeit. Wir arbeiten daran, für diese Menschen, die arbeiten möchten, Möglichkeiten zu schaffen. Das Einkommen ist aktuell primär nicht so wichtig, bei Frauen mit geringen Pensionen ist der Zuverdienst aber sehr wohl ein Argument. Frauenförderung ist mir ein großes Anliegen. Ich möchte Frauen Mut machen, sich bei uns zu bewerben, wir haben schon jetzt viele beeindruckende Frauen in unserem Pool.

INARA: Bei vielen Unternehmen gibt es noch immer Skepsis gegenüber älteren Mitarbeitern. Warum ist das so und wie kann man dem entgegenwirken?
Stuppacher: Eines unserer Hauptanliegen ist ein Bewusstseinswandel weg vom unrealistischen Jugendwahn und hin zu Werten und Erfahrung. Derzeit sitzen in den Vorstandsetagen viele Babyboomer. Verschiedene Vorurteile blockieren ein Umdenken: Fachliche Überlegenheit oder ältere Mitarbeiter gelten oft als zu teuer. Wenn die Babyboomer-Chefs selbst in den Ruhestand wechseln und der Fachkräftemangel noch drückender wird, dürfte sich das Blatt schnell wenden. In manchen Bereichen wollen ältere Konsumenten auch ganz bewusst kein allzu junges Gegenüber, etwa im Verkauf oder bei Fitnessanbietern.

INARA: Welche Jobs vermitteln Sie und wie groß ist Ihr Kandidaten-Pool?
Stuppacher: Wir vermitteln nur entgeltliche Jobs. Darunter sind auch Interim-Jobs und projektbezogene Jobs sowie Vertretungen. Unser Kandidatenpool besteht aktuell aus rund 2000 Personen, davon sind 57 Prozent Männer. Darunter ist auch eine Reihe von Senior Experts. Das durchschnittliche Alter liegt zwischen 58 bis 70. Die Menschen kommen entweder bei Pensionsantritt zu uns oder später, wenn ihnen in der Pension „die Decke auf den Kopf fällt“, also eine Aufgabe fehlt. Manche kontaktieren uns schon zu einem Zeitpunkt knapp vor der Pensionierung. Wir sprechen selbst aktiv Firmen an und wollen sie motivieren, „über ihren Schatten zu springen“ und aus der Beschäftigung von älteren Personen eine Win-win-Situation für beide Seiten zu machen.

INARA: Was kostet es, die Plattform WisR in Anspruch zu nehmen?
Stuppacher: Für Arbeitssuchende ist die Registrierung und Nutzung von WisR kostenlos. Für Firmen fallen je nach Dienstleistung Kosten ab 59 Euro an.

INARA: Sie bieten auch das Tool RuheStandby an. Was ist das genau?
Stuppacher: Aus Datenschutzgründen dürfen Firmen keine Mitarbeiterdaten nach dem Ausscheiden speichern. Unser RuheStandby-Tool wird im kommenden Fachkräftemangel eine wichtige Alternative bieten, mit ehemaligen Mitarbeitern in Kontakt zu bleiben, weil man deren Expertise auch in der Pension für Teilzeit oder projektbezogen einsetzen möchte. Bei uns können diese Daten – natürlich mit Einverständnis des Betroffenen – rechtskonform mittels eines Codes gespeichert werden. So wird es Unternehmen ermöglicht, ihre eigenen Talente wieder zu aktivieren. Dieses Tool wird von den Firmen sehr gut angenommen.

INARA: Wie läuft die Jobvermittlung im Detail ab?
Stuppacher: Wir schauen vor allem an, was unsere Jobkandidaten, die Silver Agers, wollen oder brauchen und suchen in ganz Österreich nach den passenden Jobs. Unsere Plattform ist eine digitale Lösung, smart und einfach zu bedienen. Das ist wichtig, weil in unserer Zielgruppe nicht alle IT-affin sind. Mittlerweile bieten wir auch ein Active Sourcing Produkt für Unternehmen an. Eine Vorselektion machen wir nur auf Anfrage für Senior Experts. Wir haben für die Kandidaten einen eigenen Lebenslauf entwickelt, der vor allem auf deren berufliche Stärken fokussiert. Die Firmen andererseits müssen präzisieren, welche Jobs sie besetzen wollen und was die Kandidaten können müssen. Es ist in gewisser Weise eine Erziehungsaufgabe, Silver Ager richtig anzusprechen bzw. abzuholen, aber da sind wir auf einem guten Weg.

INARA: Welche Region decken Sie ab und mit wem kooperieren Sie?
Stuppacher: Wir sind zurzeit in Österreich tätig, planen aber, unsere Tätigkeit in die gesamte DACH-Region auszurollen. Es gibt auch andere „Pensionsplattformen”, jede hat einen anderen Schwerpunkt. Wir haben eine offensivere Kommunikationsmethode als andere Organisationen und konnten uns auf diese Weise schon jetzt einen großen Talente-Pool aufbauen. Mein Ziel ist es, eine übergreifende Plattform einzurichten. Die diesbezüglichen Gespräche laufen gut. Wir kooperieren auch erfolgreich mit mehreren Personaldienstleistern.

INARA: Planen Sie weitere Aktivitäten?
Stuppacher: Generell werden wir viel stärker in Content-Aktivitäten gehen, um unsere Visibilität und Expertise auf dem Markt zu erhöhen. Darunter fallen auch Interviews & Podcasts mit Kandidaten, vermittelten Personen sowie Firmen.

INARA: Welche „Message“ haben Sie für die Senioren und für die Gesellschaft?
Stuppacher: Unsere Plattform möchte dazu beitragen, das Alter neu zu denken. Wir sollten aufhören, nur mehr in den beiden Lebensphasen Alter und Pension zu denken. Wir dürfen keine Altersgruppe ausgrenzen. Vielmehr sollten wir die Periode zwischen Regelpensionsalter und „echtem“ Ruhestand als zusätzliche Lebensphase und als Chance sehen. Wichtig ist es dabei auch, die Generationen zusammen zu bringen und den Wissenstransfer zwischen Jung und Alt zu erleichtern.

@René Hundertpfund Zenfolio

Website: www.growwisr.com

Autorin: Dr. Brigitta Schwarzer, MBA