Interview: Selbstbestimmt leben

Interview: Selbstbestimmt leben

Ohne ausreichende finanzielle Mittel keine Selbstbestimmung, betont Erich R. Hoffmann, Experte für Sozialkapital-Management, im INARA-Gespräch. Um auch im Alter nach unseren eigenen Vorstellungen leben zu können, müssen wir rechtzeitig vorsorgen. Eigenverantwortung ist dabei ebenso gefragt wie ein gewisses Maß an Finanzkompetenz.

INARA: Das Leben in die eigene Hand zu nehmen ist ein fundamentales Bedürfnis der Menschen. Was bedeutet Ihrer Einschätzung nach selbstbestimmtes Leben in der Praxis und was braucht man dazu?
Erich Hoffmann: Ein selbstbestimmtes Leben bedeutet primär, auf Lebenszeit über genügend finanzielle Mittel zu verfügen, um sein Dasein entsprechend den eigenen Bedürfnissen gestalten zu können. Man kann auch sagen: „As long as we live, we need money“. Ist das gegeben, sind die Menschen in der Regel zufrieden, optimistisch und haben weniger Stress. Natürlich bestimmen auch noch andere Faktoren, ob und inwieweit wir selbstbestimmt leben können, beispielsweise unsere Gesundheit oder die politischen Verhältnisse in einem Land.

INARA: Wie sieht es mit der Selbstbestimmung in Österreich aus? Und inwieweit gab es da durch Corona eine Veränderung?
Hoffmann: Eine aktuelle Studie von Swiss Life (s. Pressemitteilung vom 24.06.2020) zeigt, dass 64 Prozent der Österreicher das Gefühl haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dieser Wert ist höher als jener in Deutschland (63 Prozent) und der Schweiz (61 Prozent). Corona hat daran trotz der verhängten Einschränkungen insgesamt wenig geändert. Nur jene Menschen, die infolge der Pandemie mit negativen persönlichen Auswirkungen rechnen, empfinden sich nun gegenüber früheren Befragungen als deutlich weniger selbstbestimmt.

INARA: Inwieweit braucht es Eigenverantwortung, um sein Leben nach den eigenen Vorstellungen gestalten zu können?
Hoffmann: Natürlich ist niemand vor Schicksalsschlägen sicher und nicht gegen alle gibt es eine Absicherung. Aber generell halte ich Eigenverantwortung für ganz entscheidend. Das beginnt schon bei der Berufswahl und der Ausbildung. Viele Jugendliche habe Träume und Wünsche, die sind aber mitunter ein schlechter Ratgeber. Man sollte vielmehr seine eigenen Fähigkeiten realistisch und pragmatisch einschätzen, sich für den passenden Beruf entscheiden und die entsprechende Ausbildung absolvieren. Dank staatlicher Förderungen und Unterstützungen ist das hierzulande für alle möglich. Um im Beruf Erfolg zu haben, ist es wichtig, durchzuhalten und bei Problemen nicht gleich aufzugeben.

INARA: Welche Eigenschaften braucht man, um auch in schwierigen Phasen beruflich Fuß zu fassen?
Hoffmann: Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist durch Corona derzeit sehr angespannt, viele sind arbeitslos oder in Kurzarbeit. Das wird sich hoffentlich schrittweise wieder verbessern. Und wer mehr als das Mindestmaß leistet, diszipliniert und flexibel ist, hat dann wieder gute Chancen, einen Job zu ergattern, der ihm die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben eröffnet.

INARA: Nicht über seine Verhältnisse zu leben gehört wohl auch dazu…
Hoffmann: Es ist ganz wichtig, seine Finanzen in Ordnung zu halten und nicht über seine Verhältnisse zu leben. Um Durststrecken überwinden zu können ist es ratsam, zu sparen und einen Notgroschen beiseite zu legen. Dass das oft zu wenig oder gar nicht beherzigt wird, zeigte sich gerade in der Corona-Krise. Natürlich hat der Lockdown viele Menschen massiv getroffen, manchen Branchen ist das Geschäft völlig weggebrochen. Aber wenn man rechtzeitig auf die Bildung von Reserven geachtet hätte, wären Privatpersonen und Firmen nicht so schnell ohne Liquidität dagestanden.

INARA: Wie wichtig sind in diesem Zusammenhang Finanz- und Wirtschaftsbildung?
Hoffmann: Finanzwissen schafft Unabhängigkeit und ist fast noch wichtiger als der Kontostand. Und es dürfte künftig noch wichtiger werden. Wir leben in einer Nullzinsphase, die wohl noch Jahre andauern wird. Sparbuch und Bausparvertrag sind heute unterm Strich meist ein Verlustgeschäft. Aktien, Fonds oder die Veranlagung in Immobilien werden immer wichtiger, vor allem, wenn es um den langfristigen Vermögensaufbau geht. Ohne Finanzkompetenz, sprich ausreichende Kenntnisse über die Vorteile und Risiken der diversen Anlageformen, kann man sich dabei leicht die Finger verbrennen. Um sich dieses Wissen anzueignen ist Eigenverantwortung unabdingbar. Wer zumindest über die Basics Bescheid weiß und ein gesundes Risikobewusstsein hat, der läuft nicht Gefahr, auf dem glatten Finanzparkett auszurutschen. Wünschenswert wäre es natürlich, wenn „financial literacy“ auch in den Lehrplänen der heimischen Schulen stärker berücksichtigt würde.

INARA: Die meisten Menschen wollen auch im Alter selbstbestimmt leben. Wie schafft man dafür die Voraussetzungen?
Hoffmann: Je früher man sich damit beschäftigt, wie man sich sein Leben im Alter vorstellt, und dann regelmäßig kleine Beträge anspart, desto besser. Wer das Thema auf die lange Bank schiebt, wird das mit Sicherheit später bereuen.

INARA: Wie wird es mit den staatlichen Pensionen weitergehen?
Hoffmann: Schon jetzt muss der Bund für die Pensionen Jahr für Jahr erhebliche Zuschüsse leisten. Wegen der demografischen Entwicklung und der durch Corona massiv steigenden Staatsschulden wird der Spardruck bei den Pensionen in den kommenden Jahren eher zunehmen. Den meisten Menschen ist heute bewusst, dass sie mit der staatlichen Pension allein ihren gewohnten Lebensstandard im Alter nicht halten können. In den nächsten Jahren wird die „Pensionslücke“, also die Differenz zwischen Aktiveinkommen und Pension, noch größer werden. Dabei geht es gar nicht um Kürzungen. Vielmehr führen die letzten Pensionsreformen tendenziell zu geringeren Pensionen, insbesondere bei jungen Menschen. Und Frauen sind besonders betroffen, da sie oft Teilzeit arbeiten, früher in Pension gehen, aber länger leben als Männer. Vielen von ihnen droht künftig die Altersarmut. Daher ist es ratsam, während des aktiven Berufslebens einen Teil des Einkommens für die Altersvorsorge zu reservieren.

INARA: Und wenn man das nicht tut?
Hoffmann: Wer nicht rechtzeitig vorsorgt, wird in der Pension zwar viel Zeit haben, aber beim Lebensstandard schmerzliche Abstriche machen müssen und auf vieles – z.B. Reisen oder Hobbies – verzichten müssen. Das ist bitter, vor allem da die meisten Senioren bei Pensionsantritt heute noch agil und fit sind und eigentlich ihr Leben in vollen Zügen genießen könnten. Aber: „ohne Geld ka Musi!“

INARA: Sind Lebensversicherungen angesichts der aktuellen Zinssituation überhaupt noch für die Altersvorsorge geeignet? Bei anderen Anlageformen gibt es doch höhere Renditen…
Hoffmann: Dem allgemeinen Zinstrend kann sich die Lebensversicherung natürlich nicht entziehen. In der klassischen Lebensversicherung wurde der Garantiezinssatz in den vergangenen Jahren schrittweise reduziert und liegt aktuell bei maximal 0,5 Prozent p.a. Dazu kommt in der Regel noch eine – nicht garantierte – Gewinnbeteiligung. Anders als diverse Wertpapiere bietet die klassische Lebensversicherung durch die besonders strengen Kapitalanlagevorschriften aber maximale Sicherheit und deckt zu vergleichsweise niedrigen Kosten hohe Risiken (wie z.B. Ableben oder Berufsunfähigkeit) ab. Seit dem Jahr 1945 haben die heimischen Versicherer ausnahmslos alle Garantieversprechen eingehalten, kein einziger Kunde hat mit einer klassischen Lebensversicherung Geld verloren. Neben diesem respektablen „Track record“ spricht noch ein weiteres Argument für die Lebensversicherung. Nur die Rentenversicherung läuft bis ans Lebensende, egal ob man 80, 90 oder 100 Jahre alt wird. Da sind alle anderen finanziellen Reserven meist längst aufgebraucht.


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