Interview: WG 50+ / Wohnmodell der Zukunft

Interview: WG 50+ / Wohnmodell der Zukunft

Last Updated on 2020-01-20

Es gibt immer mehr Singles, und vielen von ihnen droht – vor allem im Alter – Vereinsamung. Zudem steigen die Miet- und Lebenshaltungskosten seit Jahren rasant. Deshalb wird die WG (Wohngemeinschaft) zunehmend auch für die ältere Generation interessant. Monika Kohut, Gründerin der Online-Plattform GOLD WG und selbst WG-Bewohnerin, bringt die passenden Partner zusammen.

INARA: Sie haben 2017 die GOLD WG gegründet. Welche Dienstleistungen bieten Sie an?
Monika Kohut: GOLD WG vermittelt Interessenten für Wohn- und Hausgemeinschaften im Alter 50+ erstmals auf Basis eines umfassenden Matching-Verfahrens. Zudem bieten wir weiterführende Unterstützung an, zum Beispiel Hilfe bei der Suche nach geeigneten Immobilien, juristische Beratung bei Miet- bzw. Kaufverträgen und Mediation der WGs. Das heißt, wir vermitteln nicht nur, sondern beraten und betreuen unsere User auch.

INARA: Wie kamen Sie auf die Idee, diese Plattform zu gründen?
Kohut: Ich selbst lebe seit 2002 in einer Zweier-WG und habe derzeit einen 56-jährigen Mitbewohner. Das funktioniert wirklich sehr gut. Mein ursprünglicher Plan war, langfristig mit einer gleichaltrigen Frau zusammen zu wohnen. Dazu kam es leider nicht, weil die WG50+ seinerzeit kaum bekannt war. Zudem waren die existierenden Vermittlungsplattformen lediglich Kleinanzeigenmärkte. Das heißt, die eingestellten Angebote und Gesuche wurden nur minimal oder gar nicht miteinander abgeglichen. Das hat sich übrigens seither nicht geändert. Tatsächlich hatte ich mich seinerzeit schon länger gewundert, dass es kein einziges WG-Vermittlungsportal gab, das nach dem Elite-bzw. Parship-Prinzip funktionierte. Meine Idee, WG-Interessenten zu matchen, war somit der Beginn von GOLD WG.

INARA: Wie hoch sind die Kosten, wenn man über Ihre Plattform geeignete Partner für eine WG suchen will?
Kohut: Sowohl unsere Basis – als auch unsere Gold Mitgliedschaft ist kostenlos. Ein Basis Mitglied gibt lediglich an, wo und mit wem er/sie zukünftig leben will, also in welcher Art und Größe von WG oder HG. Die Gold Mitgliedschaft erwirbt man, indem man den Fragebogen vollständig ausfüllt. Die Vorteile dieser Mitgliedschaft:

1.) Die umfängliche Auswertung des Persönlichkeitsprofils.

2.) Alle Matching-Ergebnisse werden mit aussagefähigen Prozentzahlen nach wenigen Minuten in unserem Pass-o-meter angezeigt.

3.) Über unsere Chatfunktion ist eine direkte, anonyme Kontaktaufnahme möglich.

4.) Uneingeschränkter Zugriff auf alle Plattform-Funktionen.

In naher Zukunft wollen wir zudem eine kostenpflichtige Premium Mitgliedschaft einführen. Die geldwerten Vorteile: Sonderkonditionen für unsere Offline-Dienstleistungen u.v.m.

INARA: Was unterscheidet eine WG50+ von einer HG (Hausgemeinschaft) und was ist der Unterschied zur herkömmlichen WG, die ja vor allem bei Studenten beliebt ist?
Kohut: Typisch für eine HG sind abgeschlossene Wohneinheiten. Diese bestehen in der Regel aus zwei Zimmern, Bad und Kitchenette. Zudem gibt es Räume für gemeinschaftliche Aktivitäten. Eine WG bietet keine Wohneinheiten, sondern nur einzelne Zimmer. Bad, Küche und Wohnzimmer werden gemeinsam genutzt.

Im Übrigen ist die WG50+, so wie GOLD WG sie definiert und positioniert, überhaupt nicht mit einer Studenten-WG zu vergleichen. Denn zum einen handelt sich hier ja nicht um eine zeitlich begrenzte, finanziell motivierte Zweck-WG, sondern um ein sinnstiftendes Lebenskonzept. Und zum zweiten gibt es zunehmend WGs50+, in denen den Mitbewohnern mehr als ein Zimmer zur Verfügung steht. Hier und da könnte man durchaus von Luxus-WGs sprechen.

Auch der Vergleich mit einer „Alters-WG“ ist völlig unpassend. Denn dabei handelt es sich um ein Wohnmodell für Menschen, die altersbedingt mental und/oder körperlich so eingeschränkt sind, dass sie (pflegerische) Hilfe benötigen. Im Vordergrund steht hier also ‚Not-Wendigkeit‘. Für eine WG50+ hingegen entscheidet man sich ‚frei-willig‘, weil man Lebensqualität mit Gleichgesinnten teilen möchte.

INARA: Was sind die Gründe, warum ältere Menschen sich verstärkt für alternative Wohnformen wie die WG interessieren?
Kohut: Ich denke das Bedürfnis nach Kommunikation ist der größte Treiber. Aktuelle Studien belegen eine dramatisch zunehmende Einsamkeit beziehungsweise Angst vor Alterseinsamkeit. Hierzulande sind 62 Prozent aller Einpersonenhaushalte Menschen im Alter 50+. In einer Umfrage gaben zwei Drittel aller Österreicher an, Angst vor Einsamkeit zu haben. Einsamkeit wird in immer mehr Ländern zu einem herausragenden gesellschaftlichen Problem. Bekanntermaßen hat die britische Regierung deshalb 2017 sogar eigens ein Ressort geschaffen, das sich dieses Themas annimmt.

INARA: Wie erreichen Sie, dass die Leute wirklich gut zusammenpassen?
Kohut: Aufgrund meiner eigenen WG-Erfahrungen wusste ich ja, dass es nicht reicht, wenn nur die Chemie stimmt. Mein Ziel war deshalb von Anfang an ein Persönlichkeitsabgleich, der alle Kriterien berücksichtigt, die für das langfristige Funktionieren einer WG von Bedeutung sind. Bei einem solchen Verfahren kommt sowohl Psychologie als auch Mathematik ins Spiel, konkret ein Algorithmus. Wie enorm hoch die Komplexität des GOLD WG-Algorithmus ist wird deutlich, wenn man bedenkt, dass wir bis zu zehn! Personen matchen, während es bei Parship & Co. gerade mal jeweils zwei sind. Allein für die Entwicklung, bei der wir von Statistikern der Uni München unterstützt wurden, und die nachfolgende technische Implementierung des Matching haben wir zwei Jahre gebraucht. Als wir 2017 dann endlich online gingen, hatten wir bereits fünf Jahre Arbeit in GOLD WG gesteckt.

INARA: Welche Basiskriterien müssen erfüllt sein, wenn man in eine WG 50+ ziehen möchte? Und gibt es auch Menschen, die dafür nicht in Frage kommen?
Kohut: Die wichtigsten Voraussetzungen sind Respekt, Toleranz, Kompromissbereitschaft und Fairness. Je größer die WG, desto mehr Kompromissbereitschaft ist gefragt. Dafür werden mit zunehmender Größe die Kosten geringer. Und bei der Kostenverteilung sind wir dann bei der Fairness: Wer nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist, ist nicht WG-geeignet – weder mit U20 noch mit Ü50. Auch Menschen mit einem stark ausgeprägten Rückzugsbedürfnis sind nicht wirklich WG-geeignet. Hier empfehle ich immer, in eine HG zu gehen.

INARA: Ihr Fragebogen ist sehr detailliert und umfasst verschiedene Themenbereiche. Welche Punkte sind Ihrer Meinung nach besonders heikel?
Kohut: Dass Kettenraucher und militante Nichtraucher nicht zusammenpassen liegt auf der Hand. Veganer und „Fleischtiger“ werden auch Probleme haben, wenn ihre Lebensmittel im gemeinsamen Kühlschrank lagern. Ordnung und Sauberkeit sind geradezu klassische Konfliktpotentiale. Divergierende politische Ansichten und Religionen können weitere „Knackpunkte“ sein – falls die notwendige Toleranz fehlt.

INARA: Wenn man sich einmal für eine WG 50+ entschieden hat, wie sollte man konkret vorgehen?
Kohut: Der Weg in eine WG ein mehrstufiger und mehrdimensionaler Prozess. Darüber sind sich leider viele WG-Interessenten zunächst nicht im Klaren. Deshalb haben wir einen Ratgeber mit praktischen Tipps und Empfehlungen online gestellt. Hier und jetzt in Kürze: Zunächst sollte man kritisch hinterfragen: „Was will ich wirklich und was erwarte ich von meinen Mitbewohnern?“ Bei dieser Bewusstwerdung hilft unser Fragebogen.

Für die Entscheidung, mit wem man künftig unter einem Dach leben will, sollte man mindestens sechs Monate einkalkulieren. Denn selbst das beste Matching kann immer nur ein Vorfilter sein. Kontaktaufnahme, persönliches Kennenlernen, Aufbau von Vertrauen – hier sind dann Eigeninitiative und Geduld gefragt. Vor der Suche nach einer Immobilie sollte ein gemeinsamer Anforderungskatalog erstellt werden, denn es geht ja um das ‚zukünftige Zuhause aller Mitbewohner‘. Auch diesbezüglich enthält der GOLD WG-Ratgeber Tipps und Checklisten. Im Übrigen empfehle ich, die ‚end-gültige‘ Entscheidung nochmals mit fachlicher Unterstützung zu hinterfragen. Zu diesem Zweck bieten wir einen maßgeschneiderten Workshop mit psychologischer Supervision an. Auch ein gemeinsamer Urlaub oder ein Probewohnen sind Optionen, die GOLD WG, falls gewünscht, ermöglicht. Wie auch immer: Am Ende des Tages wird immer der Bauch entscheiden…

INARA: Wann ist das beste Alter, in eine WG einzusteigen? Ist man mit 50 nicht noch viel zu jung dafür?
Kohut: Das kommt auf die jeweilige Lebenssituation an. Aber je früher, desto besser. Für mich war mein 50. Geburtstag der Stichtag für die Beantwortung der Frage: Wie beziehungsweise mit wem will ich in Zukunft leben? Auch unter Einbeziehung der Möglichkeit einer nochmaligen Partnerschaft fiel meine Entscheidung bereits seinerzeit für eine Wohngemeinschaft. Als mein Sohn dann auszog, war das für mich der richtige Zeitpunkt. Ich war damals 51 Jahre „alt“…


@Gold WG

Website: www.gold-wg.com

Autorin: Brigitta Schwarzer