„Klassische Buchhalterjobs sind längst Geschichte“

„Klassische Buchhalterjobs sind längst Geschichte“

Geschäftsführerin Renate Ackerl, MBA, leitet seit zehn Jahren die FIDES Verrechnungs- & Dienstleistungs GmbH, ein Tochterunternehmen der Styria Media Group AG. Wie dramatisch sich die Tätigkeit im Rechnungswesen gewandelt hat und warum die Frauenquote bei FIDES bei 90 Prozent liegt, erläutert sie im Gespräch mit INARA.

INARA: Was ist die Aufgabe der FIDES innerhalb des Styria-Konzerns?
Renate Ackerl, MBA: Wir sind das ausgelagerte Finance Shared Service Center der Styria Media Group AG und servicieren unsere Eigentümer im Bereich Rechnungswesen, Zahlungsverkehr und Personalverwaltung. Wie unsere Muttergesellschaft sind wir in Österreich, Kroatien und Slowenien tätig. Zusätzlich zu den Styria Beteiligungen betreuen wir auch noch einige externe Unternehmen, die ehemals zur Styria gehörten und beispielsweise durch ein Management Buy Out selbständig wurden.

INARA: Bei Ihnen dominieren also die klassischen Buchhalterjobs …
Ackerl: Den „klassischen Buchhalter“ gibt es schon lange nicht mehr, der Job ist massiv im Wandel. Bis vor wenigen Jahren war die Hauptaufgabe des Buchhalters, Belege korrekt zu verbuchen, den Monatsabschluss und den Jahresabschluss nach entsprechenden rechtlichen und konzerninternen Vorgaben und korrekt durchzuführen und fristgerecht alle Verbindlichkeiten und Abgaben zu begleichen.

Heute beschäftigt sich der Rechnungswesensmitarbeiter bald zu 90 Prozent damit, wie die Belege digital in die entsprechenden Systeme einfließen, verarbeitet werden und dann die Daten und Zahlen korrekt in einer Bilanz und GuV dargestellt werden.

Neben der soliden fachlichen Ausbildung stehen das vernetzte Denken sowie technische Affinität daher immer mehr im Fokus unserer Personalentscheidungen.

Der klassische Arbeitsalltag besteht heute darin, elektronische Buchungsprozesse zu überwachen, kontinuierlich zu optimieren, somit den Automatisationsgrad zu steigern und die Gesamtheit auf Richtigkeit und Plausibilität zu überprüfen.

INARA: Welche sind die größten Herausforderungen bei Ihrer Tätigkeit?
Ackerl: Gerade im Rechnungswesen und in der Personalverrechnung gibt es laufend gesetzliche Änderungen, die zum Teil wirklich überbordend sind. Die Styria Media Group bilanziert nach IFRS, da müssen unsere Mitarbeiter ständig auf dem neuesten Stand sein. Überhand nehmen die neuen gesetzlichen Anforderungen in der Personalverrechnung. Ich denke beispielsweise an die laufenden Änderungen und Neuerungen wie den Familienbonus oder den nunmehr erforderlichen monatlichen Beitragsgrundlagennachweis. Ein enormer Mehraufwand, dessen Komplexität zu hinterfragen ist.

INARA: Welche Rolle spielt die FIDES innerhalb des Konzerns?
Ackerl: Wir werden zwar sehr geschätzt, solange jedoch alles gut läuft, sind wir relativ unsichtbar. Wirklich wahrgenommen werden wir, wenn es wo Probleme gibt oder eine neue Akquisition ansteht. Je schneller und besser wir arbeiten, desto früher herrscht Zahlentransparenz in der neuen Einheit. Die intensive Zusammenarbeit mit dem Konzern-Controlling und der Konzern-HR ergibt eine Expertise, die sowohl für den Vorstand als auch für die Mitarbeiter des Konzerns eine große Stütze sowie eine „Know-How-Börse“ ist.

INARA: Kann man von seiner Konzernmutter einfach höhere Preise verlangen oder ist das ein no-go?
Ackerl: Wir haben seit 15 Jahren unsere Preise nicht erhöht, obwohl die Lohnkosten jährlich im Schnitt um ca. 2,5 Prozent steigen. Das geht nur, weil wir ständig Effizienzen schaffen und unsere Prozesse optimieren. Natürlich helfen uns dabei Digitalisierung und Automatisierung. Das komplett papierlose Büro ist bei uns schon in Sichtweite.

INARA: Die FIDES-Belegschaft ist fast rein weiblich. Warum ist das so?
Ackerl: Bei uns bewerben sich fast nur Frauen. Das hat sich speziell in den vergangenen 15 Jahren so entwickelt – sowohl im Rechnungswesen als auch in der Personalverrechnung. Offenbar absolvieren mehr Frauen eine kaufmännische Ausbildung und üben diese dann auch weiter aus. Im Bereich Personalverrechnung haben wir ab und zu auch mal einen männlichen Bewerber. In Summe sind jedoch 90 Prozent unseres Teams weiblich. Insgesamt 54 Mitarbeiter, mit einem Teilzeitanteil von ca. 60 Prozent, meist auf einer 30-Stunden-Basis.

INARA: Wo und wie rekrutieren Sie Ihr Personal?
Ackerl: Meist rekrutieren wir Handelsakademie-Absolventen. Die praxisbezogene Ausbildung der HAK ist eine ausgezeichnete Startbasis für unseren intensiven Einschulungsprozess von ca. sechs Monaten. Danach können sich die jungen Leute weiter spezialisieren und bei uns auch eine interne Karriere bis zum Bilanzbuchhalter oder qualifizierten Personalverrechner anstreben.

INARA: Ist es schwierig, gutes Personal zu bekommen und was erwarten Sie von neuen Mitarbeitern?
Ackerl: Bis auf die Personalverrechnung ist es nicht so schwierig, passende Mitarbeiter zu finden. Unsere Anforderungen sind nicht zu speziell. Wir erwarten neben einer guten Ausbildung ein gutes Abschlusszeugnis, Interesse an der gestellten Aufgabe, Engagement sowie die Bereitschaft zur Fortbildung und persönlichen Weiterentwicklung.

INARA: Aufgrund des hohen Frauenanteils in Ihrer Belegschaft gibt es viele Teilzeitangestellte und sicher oft Karenzen. Wie bewältigen Sie diese Herausforderungen?
Ackerl: Rasches Reagieren und Flexibilität sowohl von den Bereichsleitern als auch von den Kollegen ist bei uns ganz wichtig, um sowohl die engmaschigen internen Abschlusstermine als auch die vielen Termine für Steuern und Gehaltsabgaben strikt einhalten zu können. Aufgrund unserer Preis- und Kostenstruktur können wir keine Ressourcen vorhalten.

Es kommen jedoch auch ständig wieder junge Mütter nach ca. 18 Monaten aus der Karenz zurück und arbeiten dann für meist 30 Wochenstunden (nach einer gewissen Einarbeitungsphase, wo sie mit weniger Stunden beginnen), damit ist es in Summe für beide Seiten eine win/win-Situation.

Damit die Übergänge bei krankheits- und schwangerschaftsbedingten Ausfällen gut funktionieren, legen wir auf ausgezeichnete und nachvollziehbare Arbeits- und Prozessdokumentation aller Vorgänge großen Wert.

INARA: In der FIDES selbst sind die Aufstiegsmöglichkeiten begrenzt. Haben Ihre Mitarbeiterinnen keine Karriereambitionen?
Ackerl: Um als Frau Beruf und Kinder gut unter einen Hut zu bringen, braucht man Multitasking-Fähigkeiten und muss gut organisieren können. Die meisten unserer Mitarbeiterinnen sind dennoch mit ihren aktuellen Jobs zufrieden und haben trotz ihrer „Managementkompetenzen“, ihrer kaufmännischen Topqualifikation sowie ihrer Gründlichkeit und Genauigkeit wenig Ambition, beruflich ihre vollen Talente auszuschöpfen. Ich finde es immer wieder schade, dass nur bei ganz wenigen Frauen (mit Familie) die berufliche Karriere im Fokus steht. Die von der Styria Media Group angebotenen Möglichkeiten, sich für Führungsfunktionen zu qualifizieren, werden zu wenig wahrgenommen. Ich hoffe, das ändert sich in den nächsten Jahren.

INARA: Gibt es bei Ihnen auch Homeoffice?
Ackerl: Um die notwendige Flexibilität, die kleine Kinder öfters erfordern, zu unterstützen, gibt es bei uns immer mehr Firmenlaptops, mit denen man sehr gut auch von zu Hause aus arbeiten kann. Nachdem wir schon großteils digitalisiert sind, sind alle Arbeitsunterlagen elektronisch vorhanden. Das Angebot, im Bedarfsfall von zu Hause aus zu arbeiten, wird sehr gut angenommen.

INARA: Wie sieht es mit der Fluktuation aus und was tun Sie in Sachen Fort- und Weiterbildung?
Ackerl: Die Fluktuation ist bei uns generell gering. Einige unserer Mitarbeiterinnen sind schon mehr als 20 Jahre bei uns. Speziell unsere jüngeren Mitarbeiter werden aufgrund Ihrer ausgezeichneten Qualifizierung immer wieder gerne abgeworben. Auch wird nach einem nebenberuflichen FH-Studium gerne ein neuer Karriereweg eingeschlagen. Wie schon erwähnt werden Fort- und Weiterbildung bei uns großgeschrieben. Wir bieten interne und externe Schulungen und Seminare an z.B. für Lohnsteuer- und Arbeitsrecht oder auch IFRS. Diese speziellen fachlichen Kurse sind für unsere Mitarbeiter verpflichtend. Wir unterstützen aber auch „nicht betriebsnotwendige Schulungen“ wie beispielsweise Persönlichkeitsentwicklung oder sportliche Aktivitäten.

INARA: Welche Besonderheiten kennzeichnen das Betriebsklima bei FIDES?
Ackerl: Unser Betriebsklima würde ich als sehr gut bezeichnen. Für mich als Geschäftsführerin steht der Mitarbeiter als Mensch im Vordergrund, Respekt und Wertschätzung sind die Grundlage unserer Zusammenarbeit. Das überträgt sich natürlich auch auf unser Betriebsklima. Bei dem großen Frauenanteil ist es auch wichtig, Beruf und Familie gut unter einen Hut zu bringen und auf die Work-Life-Balance zu achten. Nachdem das gesamte Führungsteam unser Kerngeschäft von der Pike auf gelernt hat, können wir die Leistungen und den Einsatz unserer Mitarbeiter auch entsprechend schätzen und würdigen. Deshalb fühlen sie sich bei uns „gut aufgehoben“, es gibt so gut wie nie Burn-Out-Fälle.

INARA: Worauf sollten (kommende) Führungskräfte achten bzw. was sollte von Ihrer Tätigkeit langfristig in Erinnerung bleiben?
Ackerl: Nur wenn man als Führungskraft für seine Aufgabe brennt, die positive Einstellung beibehält und den Menschen in den Mittelpunkt stellt, kann man seine Mitarbeiter zur „Extrameile“ bewegen, den Fortschritt des Unternehmens sichern und auch schwierige Zeiten überwinden.


@FIDES

Website: www.styriafides.at

Autorin: Dr. Brigitta Schwarzer, MBA