Kritische Distanz nötig

Kritische Distanz nötig

Last Updated on 2022-12-19
Dr. Christine Domforth

Journalisten haben vielfältige Aufgaben: Sie informieren, analysieren, decken auf und sind manchmal auch als Mahner tätig. Wichtig ist ihre Arbeit nicht nur für die breite Öffentlichkeit, sondern auch für Unternehmen und Politik. Zu Aufsichtsräten sollten die Medien ein sachliches Verhältnis haben, so die Meinung eines Experten.

Aufsichtsräte und Journalisten – Hass oder Liebe? Unter diesem Titel diskutierte der Corporate Governance-Experte Rudolf X. Ruter im Aufsichtsrats-Talk der Director’s Academy mit Claus Döring über das Spannungsverhältnis zwischen Corporate Governance und der vierten Gewalt. Döring ist seit Jahrzehnten als Journalist bei der deutschen Börsenzeitung tätig, 20 Jahre davon war er Chefredakteur. „In meiner beruflichen Tätigkeit habe ich mich intensiv mit Corporate Governance beschäftigt und oft über die Rolle der Aufsichtsräte geschrieben,“ so Döring. Seine Aussagen beziehen sich zwar auf die Situation in Deutschland, vieles davon gilt wohl auch für Österreich.

Journalisten können laut Döring durch ihre Arbeit die Meinungsbildung und damit indirekt das öffentliche Geschehen beeinflussen. Bei Einzelentscheidungen trifft das eher wenig zu, außer wenn man bewusst auf Kampagnenjournalismus setzt: „Bei der Börsenzeitung haben wir das einmal gemacht, weil durch die geplante Börsenfusion mit London der Finanzplatz Frankfurt kräftig an Bedeutung verloren hätte.“

Welche Rolle spielt der Journalismus in Bezug auf Corporate Governance, wollte Ruter wissen. Döring sieht Journalisten hier als in erster Linie als Informanten und Erklärer. Sie müssten die Fakten analysieren und wenn nötig auch über unangenehme Dinge schreiben: „Indirekt berichten wir also laufend über Corporate Governance, darüber wie in Unternehmen Entscheidungen fallen bzw. vorbereitet werden, über die Organe der Gesellschaften usw.“ Diese Berichte seien sei vor allem für Privataktionäre wichtig.

Medien decken Skandale auf

Dass Journalisten manchmal Skandale aufdecken, die von Polizei oder Justiz unbemerkt geblieben waren, liegt laut Döring vor allem daran, dass wir nicht in einem Überwachungsstaat leben. Journalisten hätten in der Vergangenheit immer wieder eine Rolle bei der Aufdeckung von Skandalen gespielt so etwa bei der von der „Washington Post“ ins Rollen gebrachten Watergate-Affäre. Der Wirecard-Skandal geriet durch die britische „Financial Times“ an die Öffentlichkeit und zwar vor allem deshalb, weil ein Whistleblower sich an dieses Medium gewandt hatte.

Um als Medium Skandale aufdecken zu können brauche es Unabhängigkeit, ausreichend Ressourcen sowie Experten mit Haltung und Rückhalt in der Chefetage. Die Unabhängigkeit sei zwar durch unsere freie Wirtschaftsordnung und den Wettbewerb innerhalb der Medienbranche gewährleistet, aber wirtschaftliche Zwänge, sinkende Anzeigenerlöse, Konzentration innerhalb der Branche sowie Stellenabbau bei vielen Medien werden zunehmend zum Problem, betonte Döring.

Ruter stellte dann die provokante Frage, ob kritische Kommentare in den Medien von den Adressaten überhaupt ernst genommen werden. Döring ist der Überzeugung, dass journalistische Arbeit sehr wohl etwas bewirken kann: „Es werden dadurch Diskussionen ausgelöst, Fondsmanager und andere Investoren springen auf das Thema auf – und die Meinung ist gemacht.“ Gelegentlich melden sich dann auch noch Whistleblower mit Insiderwissen.

Wenn Journalisten als Mahner und Wächter agieren, wirken sie oft wie lästige Moralapostel. Medien sollten laut Döring aber sehr wohl überprüfen, ob sich Unternehmen an Recht und Gesetze halten sowie best practice und den Corporate Governance beachten. Wenn man eine ethische Fundierung hat, sei das dabei durchaus hilfreich.

Aufsichtsräte setzen auf Kommunikation

Ruter und Döring diskutierten dann im Detail das Verhältnis zwischen Aufsichtsräten, besonders dem Vorsitzenden, und den Journalisten, das sich in den vergangenen Jahren fundamental verändert hat. Früher war laut Ruter der Aufsichtsrat „äußerst verschwiegen, scheu wie ein Reh und unsichtbar wie ein Uhu“. Heute suchen immer mehr Aufsichtsräte selbst das Gespräch mit Journalisten, tragen Themen offensiv an die Medien heran. Döring sieht das nicht als problematisch an: „Immerhin hat der Aufsichtsrat eine Verantwortung für bestimmte Themen wie etwa die Vorstandsbestellung. Deshalb muss er seine Beweggründe auch erläutern können.“ Es sei auch in Ordnung, wenn sich Aufsichtsrats-Vorsitzende für die Kommunikation Unterstützung durch Profis holen. Läuft alles glatt, kann das die Pressestelle der Gesellschaft sein. Wenn es einen Konflikt mit dem Vorstand gibt, werden es wohl externe Berater sein.

Dass es heute mehr Kontakte zwischen Medienvertretern und Aufsichtsräten gibt, liegt natürlich auch daran, dass Journalisten an Informationen herankommen wollen. Es habe sich, so Ruter und Döring übereinstimmend, durch Gesetze und den Corporate Governance Kodex aber auch die Rolle des Aufsichtsrates deutlich geändert. Dieser müsse heute mehr informieren und auch publizieren. Generell gebe es bei manchen Aufsichtsräten Defizite, generell sei ihre Arbeit sei heute aber wesentlich besser, intensiver und professioneller als noch vor einigen Jahren. Dies vor allem auch deshalb, weil die Anforderungen deutlich gestiegen sind.

Schlechte Corporate Governance resultiert meist aus fehlender Expertise, mangelnder Unabhängigkeit und vor allem der Informationsasymmetrie zwischen Vorstand und Aufsichtsrat. Seiner Rolle als Sparringpartner, Kontrollorgan und Berater des Vorstands kann der Aufsichtsrat nur dann nachkommen, wenn er umfassend informiert wird. Passiert das nicht durch den Vorstand, muss sich der Aufsichtsrat die nötigen Informationen anderweitig verschaffen, etwa die Ebenen unterhalb des Vorstands – z. B. Controller, Bilanzchef etc. – „anzapfen“.

Ruter wollte dann von seinem Gesprächspartner wissen, wann der investigative Journalismus durch Künstliche Intelligenz ersetzt werde. Döring glaubt nicht daran, hält es aber für möglich, dass gewisse Aufgaben des Aufsichtsrates – etwa die Überprüfung von Zahlenwerken auf Plausibilität – bald von Künstliche Intelligenz übernommen werden.

Abschließend betonte der erfahrene Journalist Döring, dass es beim Verhältnis zwischen Medien und Aufsichtsräten nicht um Hass oder Liebe geht. „Es ist eher ein sachliches Verhältnis, Journalisten sollten eine gewisse kritische Distanz wahren und sich nicht mit den Objekten der Berichterstattung gemein machen.“ Was sich einige österreichische Journalisten durchaus zu Herzen nehmen könnten…

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