Länger leben, länger arbeiten

Länger leben, länger arbeiten

Last Updated on 2022-09-12
Dr. Christine Domforth

Arbeiten über das offizielle Pensionsalter hinaus tut unserer Gesundheit offenbar gut. Stimmen die Voraussetzungen, dann profitieren vom längeren Arbeiten nicht nur die Senioren selbst, sondern auch die Unternehmen und der Staat.

Wer länger arbeitet, lebt auch länger. Das wurde zumindest in einigen wissenschaftlichen Studien festgestellt. So haben etwa Experten der Oregon State University in Corvallis (USA) 2016 in einer Langzeitstudie die Lebenserwartung von knapp 3000 Personen – unterteilt in gesunde Menschen und solche mit gesundheitlichen Problemen – analysiert. Fazit: Jedes Jahr, das gesunde Menschen über das Regelpensionsalter (hier 65) hinaus arbeiten, senkt das Risiko, vorzeitig zu versterben, um elf Prozent. Bei gesundheitlich angeschlagenen Personen sind es neun Prozent.

Niemand wird unsterblich, wenn er bis ins hohe Alter weiterarbeitet, doch länger zu arbeiten wirkt sich offenbar tatsächlich positiv auf die Gesundheit aus, weil es den körperlichen, geistigen und mentalen Abbau verhindert oder zumindest bremst. Das süße Nichtstun in der Pension, von dem manche träumen, ist hingegen alles andere als gesund und führt oft zu psychischen Problemen – vor allem bei Männern.

Wir leben immer länger

Die Lebenserwartung ist in der Vergangenheit stetig nach oben geklettert und sie wird wohl weiter steigen. Wer heute in Alterspension geht, hat im Schnitt noch 20 oder gar 25 Jahre vor sich. Ein paar davon könnte man ohne Probleme weiter beruflich tätig sein. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass das teilweise bereits geschieht. So arbeiten derzeit in Deutschland 1,3 Millionen Menschen länger als sie müssten. Davon haben 320.000 eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, rund eine Million Mini-Jobs. Sogar von den über 80-jährigen Deutschen arbeiten noch mehr als 70.000. Die Erwerbsquote der deutschen SeniorInnen hat sich binnen eines Jahrzehnts verdoppelt.

Österreich, wo derzeit noch ein unterschiedliches Pensionsalter für Frauen und Männer gilt, hinkt etwas nach. Laut einer aktuellen Statistik des Arbeitsministeriums sind aber mehr als 307.000 Menschen über 60 angestellt, selbständig oder geringfügig beschäftigt. Davon sind 85.000 älter als 65, 13.500 haben sogar schon das 75. Lebensjahr überschritten. Der Trend zum längeren Arbeiten, der in nahezu allen westlichen Industriestaaten zu bemerken ist, setzt sich also auch hierzulande durch.

Leergefegter Arbeitsmarkt

Früher hörte man oft das Argument, dass ältere Menschen, die noch weiterarbeiten, den Jüngeren die Jobs wegnehmen. Angesichts des bereits jetzt massiven Personalmangels in vielen Bereichen der Wirtschaft, der sich in den kommenden Jahren durch die Pensionswelle bei den Babyboomern noch weiter zuspitzen wird, kann davon keine mehr Rede sei. Dazu kommt, dass am Arbeitsmarkt deutlich weniger junge Menschen nachrücken und diese oft keinen Vollzeitjob mehr wollen.

Wenn die Menschen nicht zum frühestmöglichen Zeitpunkt in den Ruhestand flüchten, sondern noch einige aktive Jahre „dranhängen“, würden alle profitieren. Wer länger arbeitet, bleibt wie bereits dargestellt vermutlich länger gesund. Vielen Menschen macht ihre Arbeit einfach Spaß, sie wollen gebraucht werden und schätzen das soziale Umfeld am Arbeitsplatz. Gegen die oft zitierte Einsamkeit im Alter hilft ein Job, bei dem man Kontakt mit Kollegen und/oder Kunden hat, ebenfalls. Und natürlich ist auch das zusätzliche Einkommen nicht zu verachten, wenngleich nicht primär aus finanziellen Gründen länger gearbeitet werden sollte.

Arbeitgeber, die ihre älteren Mitarbeiter länger im Betrieb halten und nicht – wie das leider noch immer oft geschieht – gegen deren Willen in die Pension abschieben, müssen nicht händeringend auf dem leergefegten Arbeitsmarkt nach Personal suchen. Sie können die Fähigkeiten und die Erfahrung ihrer SeniorInnen nutzen und gemeinsam mit jüngeren MitarbeiterInnen gut funktionierende gemischte Teams aufbauen. Diversität macht sich auch hier bezahlt.

Für den Staat brächte ein Trend zum Arbeiten jenseits des offiziellen Pensionsalters höhere Steuereinnahmen und – weil die Menschen länger gesund bleiben – zusätzlich geringere Kosten im medizinischen Bereich.

Flexibilität ist gefragt

Natürlich müssen für längeres Arbeiten bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. Dazu gehört in erster Linie die Gesundheit. Altersbedingte Veränderungen oder Wehwehchen haben viele, doch darauf können und sollen die Firmen Rücksicht nehmen und rechtzeitig ein altersgerechtes Umfeld schaffen. Ergonomische Arbeitsplätze, gute Beleuchtung, verkürzte Arbeitszeiten oder Teilzeitangebote, längere Pausen – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Umgekehrt müssen die älteren Mitarbeiter flexibel bleiben und sich, wenn erforderlich, neue Kenntnisse und Fähigkeiten aneignen. Beide Seiten sollten auch bereits mehrere Jahre vor dem gesetzlichen Pensionstermin planen, ob und wie nach dem 65. Geburtstag weitergearbeitet wird.

Bisher hat sich gezeigt, dass vor allem Menschen in Bürojobs, TechnikerInnen, FreiberuflerInnen sowie UnternehmerInnen länger im Job bleiben. Berufe, die körperlich sehr belastend oder mit Schichtarbeit verbunden sind, werden die meisten kaum länger als nötig ausüben wollen. Doch es spricht nichts dagegen, den Tätigkeitsbereich der Älteren zu verändern, etwa in Richtung Wissenstransfer. Dann könnte beispielsweise Krankenpflegepersonal jenseits der 60 sich um die Ausbildung der dringend benötigten Pflegekräfte kümmern. Auch in der Industrie sind die Arbeitsplätze im 21. Jahrhundert körperlich nicht mehr so belastend wie vor 100 oder gar 150 Jahren. Daher könnten Fachkräfte in diesem Bereich ebenfalls etwas länger arbeiten, wenn sie das wollen.

Altersteilzeit gibt es schon seit langem, ebenso die Möglichkeit der Höherversicherung. Vor einiger Zeit wurde zusätzlich im Pensionssystem ein Bonus eingeführt. Wer über das jeweilige Regelpensionsalter hinaus tätig bleibt, bekommt einen entsprechenden Zuschlag zu seiner Pension. Will man den Trend zum längeren Arbeiten fördern, sollten diese Modelle ausgebaut sowie deutlich attraktiver und flexibler werden. Ob der Pensionsantritt hinausgeschoben oder die Pension bezogen und zusätzlich weitergearbeitet wird – das sollten Arbeitnehmer und Firmen frei entscheiden können und es muss natürlich auch für Selbständige möglich sein. Als Fernziel könnte die Politik ein völlig flexibles Pensionssystem mit versicherungsmathematisch korrekten Zu- und Abschlägen anpeilen. Dann könnte jeder „seinen“ optimalen Zeitpunkt für den Wechsel in den Ruhestand wählen.

Mit steuerlichen Anreizen für längeres Arbeiten sollte man hingegen vorsichtig sein. Es gilt, eine Benachteiligung der Jüngeren zu vermeiden und den Generationenkonflikt, der ja gerade wegen der Verhandlungen um die Pensionserhöhung für 2023 wieder einmal hochkocht, nicht zusätzlich anzuheizen.

PV-Beiträge als Ärgernis

Derzeit zahlen alle Menschen, die neben der Pension weiterarbeiten, nicht nur Steuer, sie haben – falls sie nicht unter der Geringfügigkeitsgrenze bleiben – auch Sozialversicherungsbeiträge zu berappen. Vor allem die saftigen Pensionsversicherungsbeiträge regen die Betroffenen auf, da sie nur zu einer minimalen Erhöhung der Pension führen. Schon mehrere Male wurde von der Politik die Abschaffung dieser Ungerechtigkeit versprochen, passiert ist bisher leider nichts. Vielleicht klappt es ja vor der nächsten Wahl …