Mifid II: Gut oder nur gut gemeint? Was die EU-Regulierungen für den österreichischen Kapitalmarkt bedeuten

Mifid II: Gut oder nur gut gemeint? Was die EU-Regulierungen für den österreichischen Kapitalmarkt bedeuten

Brigitta Schwarzer

Dominik Hojas, Chefredakteur des „Börsianer“, und Bernhard Grabmayr, Geschäftsführer von Scholdan & Company, luden am 6. Juni 2019 zum Kamingespräch mit prominenten Kapitalmarkt-Experten ins Palais Coburg. Im Mittelpunkt der von Hojas moderierten Diskussion standen die Für und Wider von Mifid II, der seit 2018 geltenden EU-Wertpapier-Richtlinie. Sie soll durch strengere Anforderungen bei der Anlageberatung zu mehr Transparenz und zu einer Verbesserung des Anlegerschutzes und der Qualität der Auftragsausführung beitragen, verursacht aber bei Banken und anderen Wertpapierdienstleistern höhere Kosten, die anderswo eingespart werden müssen.

Weniger Anleger, weniger Börsengänge

Große Häuser schaffen das leichter als kleine, daher führt Mifid II zu einer Konzentration der Anbieter. Betroffen davon sind Emittenten und Investoren. Die Unternehmen, weil Aktienresearch und –analyse nur mehr für die Topunternehmen von ihnen kostenfrei erhältlich ist, und die Investoren, weil ihnen jetzt weniger Entscheidungsgrundlagen für ihre Aktienveranlagungen zur Verfügung stehen. Das führt zu einem sinkenden Interesse am österreichischen Kapitalmarkt, worunter vor allem die Nicht-ATX- Gesellschaften leiden. Aber auch die Privatanleger spüren die Auswirkungen von weniger Research- und Analyseinformationen, ihre Lust auf Aktien wird dadurch nicht gerade beflügelt. Harald Hagenauer (Präsident CIRA/Head of Investor Relations Österreichische Post AG) sieht daher einen generellen Rückgang an aktiven Investoren.

Neben einem System, das den Aktien kleinerer Emittenten ein laufendes Analysten-Covering sichert, sei es daher das Um und Auf, die Liquidität des heimischen Kapitalmarktes zu stärken und mehr Investoren für österreichische Aktien zu begeistern. Es gehe darum, den Anschluss an andere Länder nicht zu verlieren. Der österreichische Gesetzgeber wäre daher gut beraten, Aktieninvestments steuerlich zu begünstigen. Die Wiedereinführung der einjährigen Spekulationsfrist könnte eine gute Option sein, aber auch die Möglichkeit, Wertpapiere für die Pensionsvorsorge bis zu einem bestimmten Betrag steuerfrei zu stellen. Damit könne man das in Österreich massiv vorhandene Kapital mobilisieren.

Uneinig waren sich die Diskutanten darüber, ob Mifid II nur negativ zu bewerten sei. Während Friedrich Mostböck (Head of Group Research Erste Group Bank AG/Präsident ÖVFA – Österreichische Vereinigung für Finanzanalyse & Asset Management) von einer realitätsfernen Regulierung – einer „Unregulierung“ – sprach und darauf hinwies, dass die ÖVFA ein entsprechendes Forderungsschreiben an die EU geschickt hat, meinte Günther Schiendl (Mitglied des Vorstands VBV-Pensionskasse AG), dass man die Regulierung nicht grundsätzlich verteufeln dürfe, sie vielmehr durchaus als Wettbewerbskriterium sehen könne. Auch müsse man Österreich als Teil Europas betrachten, die Wiener Börse als Teil einer europäischen Börse. Der Kapitalmarkt bestehe nicht aus der Aufbringung von Eigenkapital, auch die Aufnahme von Anleihen sei für die Unternehmen wichtig.

Small und Mid Caps leiden stark

Wolfgang Matejka (Geschäftsführer Matejka & Partner Asset Management) tat sich mit dieser Ansicht schwer, er führte das „grausame“ Aktienjahr 2018 und insbesondere die schlechte Performance der Small und Mid Caps auf Mifid II zurück.

Günther Artner (Head of Corporate Capital Markets Erste Group Bank AG) wiederum sah es als äußerst problematisch an, dass kleinere Gesellschaft für Research und Analyse nunmehr zahlen müssen, was dazu führe, dass ihnen die Banken, die sie ja als Kunden behalten wollen, teilweise Informationen „unter der Hand“ zukommen lassen. Das sei „Fishing im Nebel“ und bewirke genau das Gegenteil der gewünschten Transparenz-Steigerung.

Fazit: Mifid II möge gut gemeint sein, der heimische Kapitalmarkt kämpft jedoch an vielen Fronten mit den negativen Auswirkungen. Die ursprüngliche Idee der EU sei es gewesen, Europa kapitalmarktmäßig gegenüber den USA zu stärken. Dieser Plan sei gescheitert. Während in den Vereinigten Staaten 75 Prozent des Finanzierungsbedarfs vom Kapitalmarkt kommen und 25 Prozent von den Banken, sei es in Europa genau umgekehrt. Hier braucht es dringend eine Schubumkehr.


@Börsianer