Pannonisches Sittenbild

Pannonisches Sittenbild

Last Updated on 2020-08-06

Dr. Christine Domforth

Dass der fußballbegeisterte Chef der Commerzialbank Mattersburg die Bilanzen über Jahre hinweg offensichtlich frisierte, ist offenbar niemandem aufgefallen. Eine besonders unrühmliche Rolle in diesem Land-Krimi spielte der Aufsichtsrat.

Massives Multiorganversagen: So lässt sich der Skandal rund um die Commerzialbank Mattersburg am besten charakterisieren. Gleich mehrere Institutionen – Finanzmarktaufsicht, Nationalbank, Revision, Wirtschaftsprüfer, Staatsanwaltschaft sowie Finanzbehörde – haben die Malversationen in der kleinen Provinzbank nicht bemerkt bzw. nicht entsprechend reagiert. Über die Rolle der (Landes)Politik in diesem Finanz-Drama wird inzwischen heftig gestritten, zwischen den Parteien hagelt es Tag für Tag wechselseitige Schuldzuweisungen. Ohne den Whistleblower, der Alarm schlug, wäre wohl bis heute niemand draufgekommen, dass mehr als die Hälfte der Bilanzsumme der Commerzialbank nur „heiße Luft“ war, hunderte Millionen Euro in Wahrheit also nie existiert haben.

Reiner Männer-Klub

Eine besonders unrühmliche Rolle spielte bei der pannonischen Megapleite der Aufsichtsrat.  Das begann schon bei seiner Zusammensetzung, Diversität hinsichtlich Geschlecht, Alter, fachlicher Ausgewogenheit etc. war da absolut kein Thema. Das Kontrollgremium in Mattersburg bestand ausschließlich aus „reifen Herren“ aus der Region, die im Zivilberuf Landwirte bzw. Gewerbetreibende oder bereits in Pension sind. Auch ein Ex-Bürgermeister ist darunter. Über besonders fundiertes Know-how im Bankwesen dürften die Herrschaften wohl eher nicht verfügt haben. Dass einer von ihnen nicht nur Aufsichtsrats-Mitglied war, sondern gleichzeitig bei der Bank einen großen Kredit für ein Bauvorhaben aufgenommen hatte, spießt sich zwar mit allen Compliance-Regeln, blieb aber ebenso ohne Folgen wie das Auftauchen von zahlreichen Scheinrechnungen inklusive Geldwäscheverdacht im Umfeld des Aufsichtsrats.

Bankchef Martin Pucher war in Mattersburg und Umgebung der Lokalmatador und Gönner, der viele und vieles in der Region unterstützte. Und er hatte ein Faible für den örtlichen Fußballverein SVM, der es mit seiner tatkräftigen (Finanz)-Hilfe bis in die Bundesliga, die höchste Spielklasse des Landes, schaffte. Damit wurde der Banker endgültig zum Hero von Mattersburg. In „seiner“ Bank konnte Pucher unumschränkt herrschen, aus dem Raiffeisensektor war er längst ausgeschert. Für den Aufsichtsrat suchte er örtliche Honoratioren aus, die das Amt als Ehre und Freundschaftsdienst empfanden und Puchers Agieren einfach abnickten.

Aufsichtsräte brauchen Zivilcourage

In früheren Zeiten lief es in den meisten Aufsichtsräten so oder so ähnlich ab. Heute sollten Aufsichtsräte – egal ob in großen oder kleineren Gesellschaften – freilich nach Qualifikation, Unabhängigkeit und Professionalität besetzt werden und nicht mit Ja-Sagern. Aufsichtsräte sind zwar keine Supergeschäftsführer und dürfen sich nicht ins operative Geschäft einmischen. Aber sie haben eine wichtige Kontrollfunktion und müssen dem Vorstand wenn nötig auch kräftig auf die Finger klopfen. Im Extremfall kann das bis zur Abberufung gehen. Dafür braucht es allerdings statt der in Österreich so weit verbreiteten Freunderlwirtschaft fachliche Kompetenz, kritische Distanz und vor allem eine gehörige Portion Zivilcourage, die leider immer mehr zur Mangelware wird.

Die Commerzialbank zahlte den Einlegern deutlich höhere Zinsen als die Konkurrenz und hatte auf dem Papier auffallend hohe Guthaben bei anderen Geldinstituten. Allein das hätte die Aufsichtsräte, die ja für ihre Kontrolltätigkeit auch persönlich mit ihrem Vermögen haften, misstrauisch machen müssen. Obwohl Pucher seit vielen Jahren die Bank-Bilanz eifrig frisierte, haben die Kontrollore offenbar lieber weggeschaut als es sich mit dem gut vernetzten und einflussreichen Pucher zu verscherzen. Spenden & Sponsoring – sei es für Kultur, Soziales oder wie in Mattersburg eben für den lokalen Fußballverein – mögen gut fürs Image sein. Als Aufsichtsrat sollte man aber solche nicht betriebsnotwendige Ausgaben immer mit Argusaugen betrachten.

Ein gewissenhafter Aufsichtsrat, der seinem Vorstand fallweise unangenehme Fragen stellt, macht sich nicht unbedingt beliebt, gilt schnell als uncool. Aber er handelt zum Wohl der Gesellschaft und der Anteilseigner, denen er letztlich verantwortlich ist.

Selbstverständlich gilt für alle genannten Personen die Unschuldsvermutung.