Senioren „ticken“ heute anders

Senioren „ticken“ heute anders

Last Updated on 2020-01-20

Dr. Christine Domforth

Warum das Alter noch immer als unattraktiv gilt, viele Best Ager nach der Pensionierung weiter arbeiten und eine 72-jährige durchaus zum Covermodell taugt: Darüber wurde bei der i trau mi Best Ager Messe diskutiert.

„Brauchen wir ein neues Bild vom Altern?“ Das war am 3. Oktober 2019 Thema einer Diskussionsrunde im Rahmen der i trau mi Best Ager Messe im Alten Rathaus in Wien. Moderiert wurde die Veranstaltung von INARA-Geschäftsführerin Dr. Brigitta Schwarzer. Sie verwies zunächst auf die demografischen Fakten. Derzeit sind 40,6 Prozent der Bevölkerung in Österreich älter als 50 Jahre, 18,8 Prozent sind 65 plus, Tendenz in beiden Fällen steigend. 1,7 Millionen Menschen – geboren zwischen 1955 und 1969 – gehören zu den Babyboomern, diese Generation geht jetzt schrittweise in Pension. Den Senioren von heute sieht man ihr Alter nicht an, meinte Schwarzer: „Wir sind geistig und körperlich fit, reisen gerne, sind lebenslustig, arbeiten vielfach noch und zählen ganz sicher nicht zum alten Eisen.“

Dr. Nadine Izdebski, die Gründerin der Plattform i trau mi, meinte, dass das Bild des Alters noch immer unattraktiv sei. Sie ist erst 30 plus und will sich nicht vor dem Alter fürchten: „Doch dazu brauchen wir Vorbilder, die uns zeigen, dass man in diesem Lebensabschnitt auch Spaß haben und sich selbst verwirklichen kann.“

Monika Posch, Gründerin von Typosch, bezieht zwar bereits Pension, ist aber weiterhin in vielen Bereichen tätig. Mit ihrem Alter beschäftigt sie sich kaum, nur die Endlichkeit des Lebens macht sie manchmal nachdenklich, weil sie noch so viel vorhat. „Mit all meinen Aktivitäten entspreche ich sicher nicht dem gängigen Klischee einer Frau über 60“, so Posch.

Kampf dem Begriff Anti-Aging

Barbara Haas, Chefredakteurin der „Wienerin“, berichtete über ein spannendes Experiment. Das Frauen- und Lifestyle-Magazin veranstaltete einen Wettbewerb, bei dem sich Frauen als Covermodell bewerben konnten. Und ausgerechnet eine 72-jährige schaffte es heuer in der August-Ausgabe aufs Titelbild. „Und dieses Heft war auch eines der am besten verkauften“, berichtete Haas.

Der Politikwissenschaftler David Campbell fungierte bei der Diskussion als Quotenmann. Er plädierte mit Hinweis auf die steigende Lebenserwartung für das Prinzip des cross retirement. „Menschen sollten, sofern sie das wollen und gesund sind, neben ihrer Pension noch arbeiten, vielleicht auf Teilzeitbasis, und damit weiter zur Wertschöpfung beitragen.“

Die Diskussionsteilnehmer erörterten dann, wie sich die Schwerpunkte im Laufe des Lebens verändern. Haas gab zu, dass Frauenzeitschriften lang stark auf das Thema Beauty gesetzt haben: „Man hat den Frauen immer Defizite eingeredet, um ihnen dann etwas zu verkaufen“. Langsam aber gibt es hier Umdenken. So wurde die Schauspielerin Isabella Rossellini, die jahrelang das Gesicht der Kosmetikmarke Lancome gewesen war, zwar im Alter von 42 ausgemustert, nun mit 65 aber wieder zurückgeholt, weil sie – trotz einiger Fältchen – einfach Energie und Lust am Leben verkörpert. Es sei lächerlich, wenn Anti-Aging-Cremen von 20-jährigen Models präsentiert werden. Der Begriff Anti-Aging sollte generell verschwinden, so Haas, die sich bei der „Wienerin“ darum bemüht, Frauen aller Altersstufen zu präsentieren. „Wir brauchen kein neues Bild vom Altern, sondern eher ein neues inklusives Bild der Gesellschaft, in der junge, ältere und alte Menschen ihren Platz haben.“

Zuverdienst für viele wichtig

Geld ist nach Ansicht von Izdebski für Senioren vor allem dann ein Thema, wenn die Pension nicht ausreicht, um den gewohnten Lebensstandard zu halten. Besonders betroffen sind davon Frauen – Stichwort Altersarmut. Es brauche alternative Modelle, wie man neben der Pension noch etwas verdienen kann. Die Plattform i trau mi will dabei Hilfestellung anbieten und die Best Ager in der Gesellschaft besser sichtbar machen. „Die Babyboomer dürfen nicht mit ganz alten Menschen in einen Topf geworfen werden, da liegt eine Lebensspanne dazwischen“, betonte Izdebski. Posch will als Seniorin mitten im Leben bleiben, auch Geld verdienen. „Und ich will nicht ins Ehrenamt abgeschoben werden, auch wenn ehrenamtliche Tätigkeit sehr wichtig ist.“

Campbell schlägt für die Zukunft ein flexibles Pensionskonto vor. „Man könnte etwa mit 40 oder 50 eine Weiterbildung absolvieren und das durch einen Vorgriff auf die spätere Pension finanzieren. Dafür würde man eben später in Pension gehen“, erläuterte er. Die älteren Menschen, die nicht nur als Konsumenten, sondern auch als Wähler wichtig sind, sollten sich und ihre Anliegen in der Gesellschaft mehr einbringen und mitreden.