Wenn der Chef von Bord geht

Wenn der Chef von Bord geht

Last Updated on 2020-01-20

Brigitta Schwarzer

Manager trifft der Pensionsschock oft besonders schlimm. Abhilfe schaffen kann ein gutes Offboarding. Dabei geht es um technische und rechtliche Fragen, vor allem aber um Wertschätzung und eine positive Atmosphäre. Die Abschiedsfeier allein ist zu wenig.

Scheiden tut weh – auch vom Job. Vor allem dann, wenn er mit einem hohen Sozialprestige verbunden ist und mit viel Engagement ausgeübt wurde. Man präsentiert zum letzten Mal die Bilanz, absolviert seine letzte Hauptversammlung, seine letzte Dienstreise, besucht seine letzte Weihnachtsfeier etc. Manager, also Vorstände und Geschäftsführer, die in Pension gehen (müssen), trifft das „empty-desk-Syndrom“ besonders hart, sie fallen in ein schwarzes Loch, manche rutschen gar in die Depression ab. Doch es geht auch anders und zwar durch einen bewusst gestalteten Prozess des Offboarding.

Ein gutes Offboarding ist genauso wichtig ist wie das Onboarding bei der Aufnahme neuer Mitarbeiter, das heute schon in fast allen Unternehmen praktiziert wird. Vor allem sorgt man damit für eine positive „Nachrede“, wenn man Manager, die ja in der Regel gut vernetzte opinion leader sind, nicht sang- und klanglos gehen lässt. Außerdem gilt auch im Wirtschaftsleben die Devise „man sieht sich immer zweimal“. Auf Österreich rollt eine gewaltige Pensionierungswelle zu, betroffen sind Firmen, aber auch die öffentliche Hand. Zwischen 1955 und 1969 wurden rund 1,7 Millionen Babyboomer geboren. Die gehen nun schrittweise in Pension, darunter sind natürlich auch viele Manager. Und das Know-how und die Erfahrung dieser „Silver Ager“ wird so manches Unternehmen in Zukunft dringend brauchen, sei es für einzelne Projekte, für die man ehemalige Vorstände oder Geschäftsführer aus dem Ruhestand zurückholt, oder als Konsulenten.

Offene Kommunikation nötig

„Ein geordnetes Offboarding ist Teil einer guter Governance im Unternehmen. Die Firmen sollten diesem Thema künftig verstärkte Aufmerksamkeit schenken“, betont INARA-Geschäftsführerin Dr. Brigitta Schwarzer. Sie empfiehlt, einen strukturierten Prozess aufzusetzen, wie man Manager in dieser Phase begleitet. Beginnen sollte man damit schon rund ein Jahr vor dem Pensionsantritt, auch wenn allfällige Kündigungsfristen kürzer sein sollten. In manchen Unternehmen gibt es fixe Altersgrenzen für Manager. VW-Vorstände müssen beispielsweise mit 65 gehen, bei den „Big four“ – den größten Wirtschaftsprüfungskanzleien der Welt – ist für die Partner mit 62 Schluss. In vielen anderen Firmen fehlt es zu diesem Thema aber leider oft an einer offenen und ehrlichen Kommunikation.

Handlungsbedarf haben beim Offboarding sowohl Unternehmen als auch Manager. Eine professionelle Beratung kann dabei für beide Seiten hilfreich sein. Führungskräfte sollten vor der Pensionierung ihren Anwalt und eventuell einen Coach konsultieren, für Firmen empfiehlt es sich, die nötige Fachexpertise zuzukaufen. Die technische Ebene des Offboarding umfasst u.a. die die Sperre von Zugängen und Accounts sowie die Rückgabe von Schlüssel, Firmen-Notebook und -Handy sowie Dienstauto. Bei Firmen-Autos wird ausscheidenden Managern oft angeboten, den Wagen zu kaufen und privat weiter zu verwenden. Damit Betroffene nicht alle Kontakte verlieren und im sozialen „out“ landen, brauchen sie Unterstützung. Die meisten Manager nutzen ihre Firmen-Mailadresse auch privat, die privaten Mails sollten rechtzeitig auf eine neue Mail-Adresse transferiert werden. Wenn möglich sollte man Führungskräften erlauben, ihre Mobil-Telefonnummer beim Ausscheiden aus dem Unternehmen zu behalten. Gibt es in Serien-Nummern, muss man andere Varianten suchen. Dabei darf es natürlich keine verwaschenen Lösungen geben, Compliance-Bestimmungen müssen eingehalten, fire-walls dürfen nicht umgangen werden.

Weiter in Kontakt bleiben

Natürlich sollten Unternehmen für scheidende Führungskräfte eine Abschiedsfeier organisieren. Dabei müssen vor allem die Anerkennung und Wertschätzung für die Leistungen spürbar sein, die der Manager für das Unternehmen erbracht hat. Damit die ehemaligen Chefs dem Unternehmen weiter positiv verbunden bleiben und Anteil am Geschehen dort nehmen, sollte man den Kontakt auch nach der Verabschiedung nicht abreißen lassen. Einladungen zur Weihnachtsfeier oder ähnlichen Events, die Zusendung von Informationsmaterial, des Pressespiegels oder des Firmen-Newsletters, ein Alumni-Netzwerk – all das kann eine positive Atmosphäre schaffen. Um nicht mit dem Datenschutz in Konflikt zu kommen, wenn die Daten von bereits ausgeschiedenen Mitarbeitern gespeichert werden, kann man die von einigen Plattformen dafür angebotenen Tools nützen. Damit ist es einfach, einen pensionierten Manager bei Bedarf zurückzuholen.

Nicht auf D&O-Versicherungen vergessen!

Vorstände und Geschäftsführer, die vor der Pensionierung stehen, müssen sich zeitgerecht über ihre Rechte informieren. Hat man Deckungsschutz im Rahmen einer D&O-Versicherung, sollte man die persönlichen Unterlagen und Aufzeichnungen mitnehmen und sich vor allem über Dauer und Inhalt der Nachwirkung erkundigen. Es kommt schließlich des Öfteren vor, dass einem bereits ausgeschiedenen Manager ein Fehlverhalten während seiner Aktivzeit vorgeworfen wird.

Genauso wichtig ist es, sich über die Phase nach dem Pensionsantritt Gedanken zu machen. Um- und Neuorientierung sind angesagt. Will ich in irgendeiner Form weiterarbeiten, mich vielleicht selbständig machen? Will ich mich ehrenamtlich engagieren oder mich meinen Hobbys widmen, für die während des Berufslebens zu wenig Zeit vorhanden war? Fragen, auf die man eine befriedigende Antwort finden muss – vielleicht mit Unterstützung durch einen Coach.