„Wesentlich schlimmer als die Finanzkrise 2008“

„Wesentlich schlimmer als die Finanzkrise 2008“

Last Updated on 2020-04-09

Das von der Regierung beschlossene Hilfspaket für betroffene Betriebe sei gut und wichtig. Aber das Verständnis der Unternehmer für den Total-Stillstand werde von Woche zu Woche geringer, betont BDO-Experte Mag. Bernd Winter im Kurier-Podcast vom 3. April.

Der Nationalrat hat vor kurzem das 3. Corona-Paket mit insgesamt mehr 80 Gesetzen beschlossen. Darin ist u.a. ein 15 Milliarden Euro schweres Hilfspaket für die von der Corona-Krise betroffenen Betriebe enthalten. Es sieht einerseits vor, dass der Staat für Bankkredite eine Haftung von bis zu 90 Prozent übernimmt, andererseits sind direkte Zuschüsse vorgesehen, wenn ein Unternehmen durch die Corona-Maßnahmen einen Umsatzeinbruch von mehr als 40 Prozent erleidet.

Welche Branchen am meisten leiden

In einem Podcast fragt Mag. Richard Grasl, Mitglied der Kurier-Chefredaktion, den Wirtschaftsprüfer Mag. Bernd Winter, Partner, Leiter Branchencenter Immobilienunternehmen, bei BDO Austria, zunächst, ob die Hilfsmaßnahme ausreichen werde. Winter beurteilt das Paket grundsätzlich als sehr gut. „Es ist ein Instrument, das schnell und unbürokratisch hilft.“ Es gehe jetzt einerseits darum, den betroffenen Firmen Liquidität zur Verfügung zu stellen, andererseits fallen durch den Shutdown auch Umsätze und damit Deckungsbeiträge weg. „In manchen Branchen sind das teilweise verlorene Monate, die auch durch Nachholeffekte nicht gut gemacht werden können,“ erläutert Winter. Kein Restaurant-Gast esse das Doppelte und kein Hotelgast schlafe doppelt, wenn die Beschränkungen wieder aufgehoben werden. Besonders schwer betroffen vom Corona-Schock seien der Handel, die Automobilzulieferer, die Gastronomie sowie die Hotellerie.

„Auch einige unserer Klienten haben jetzt keine Zahlungseingänge, während die Ausgaben weiterlaufen. Da kann die Liquiditätssituation schnell bedrohlich eng oder sogar existenzbedrohend werden,“ so der Wirtschaftsprüfer. Schnelle Hilfe sei daher besonders wichtig. Wann den Firmen das Geld ausgeht, sei je nach Unternehmensgröße und Branche unterschiedlich: „Reserven sind oft vorhanden, aber die reichen nicht für Monate.“

Die Hilfsmaßnahmen sollen zwar schnell und unbürokratisch laufen, ohne Antragsformulare gehe es aber natürlich nicht. Und es sind auch Prüfschritte vorgesehen, damit nicht Firmen zum Zug kommen, die schon vor Corona insolvent waren. „Ein bis zwei Wochen wird es schon dauern, bis das Geld fließt,“ so Winter. Er betont, dass die Banken ordentlich mit Geld versorgt werden, damit sie es an die Unternehmen weiterreichen können.

Kreditgarantien & Zuschüsse

Wer aus dem Paket einen staatlich garantierten Kredit bekommt, muss ihn binnen fünf Jahren zurückzahlen, eine Verlängerung um weitere fünf Jahre ist möglich. Bei den Zuschüssen ist vorgesehen, dass die Banken zunächst ein Darlehen einräumen und später geprüft wird, wie hoch die Fixkosten waren. Diese werden dann zu 75 Prozent vom Staat ersetzt.
Gerettet werden sollen nur jene Firmen, die vor Ausbruch der Krise finanziell gesund waren. Daraus ergibt sich ein natürlich ein Definitionsproblem, die Details werden eventuell über eine Verordnung festgelegt, als Basis könnte die EU-Gruppenfreistellungsverordnung herangezogen werden.

Wer um Mittel aus dem Hilfsfonds ansucht, darf Boni höchstens in der Hälfte der Vorjahreshöhe ausschütten, erläutert Winter. Aus der Liquiditätshilfe darf auch keine Dividende ausgeschüttet werden. Wer keine Staatshilfe in Anspruch nimmt, für den gibt es bei Bonuszahlungen und Dividenden hingegen keine Beschränkung.

Moderator Grasl fragt den Wirtschaftsfachmann weiters, wie lange die Betriebe die derzeit geltenden Maßnahmen aushalten würden. Das sei je nach Branche unterschiedlich, aber der absolute Stillstand wäre nicht sehr lange verkraftbar, betont Winter. Je länger der Shutdown dauert, desto schwieriger werde es, weil Kosten weiterlaufen, Umsätze wegbrechen und auch die Konsumenten wegen der stark gestiegenen Arbeitslosenzahlen nun weniger Geld zur Verfügung haben.

Ausgewachsene Wirtschaftskrise droht

Die Gesundheit stehe natürlich an oberster Stelle. Aber sobald das von der Entwicklung der Ansteckungs- und Krankheitsfälle her vertretbar ist, sollten die Beschränkungen so schnell wie möglich gelockert werden. „Sonst wird aus der Gesundheitskrise eine ausgewachsene Wirtschaftskrise.“ Das müsse man abwägen und die Diskussion darüber, wie lange der Shutdown wirtschaftlich vertretbar ist und ob der Preis nicht zu hoch sei, nehme mit jeder Woche zu. Vor allem die genannten Branchen Handel, Automotive und Tourismus würden den totalen Stillstand nur sehr limitiert aushalten.

„Was war bzw. ist schlimmer: die Finanzkrise von 2008 oder die Corona-Krise jetzt,“ fragt Grasl den BDO-Experten. Die Corona-Krise sei wesentlich schlimmer, meint dieser. Die Finanzkrise sei damals von den Finanzinstituten bzw. Großbanken ausgegangen und kam nie bis hinunter zu den kleineren Betrieben. Die betroffenen Banken konnten vom Staat einzeln „verarztet“ werden. Diesmal trifft es tausende Betriebe, Großunternehmen ebenso wie kleine, die gesamte Breite der Wirtschaft und zwar sofort und unmittelbar. Die Reaktionszeit sei diesmal viel kürzer und man könne nicht auf jeden Einzelfall eingehen. „Deshalb ist die Lage jetzt so besonders schwierig.“ Insgesamt sei das im Parlament beschlossene Hilfspaket aber ein gutes Instrument, so Winter. Wichtig sei jetzt die zügige Umsetzung.

Quelle: Podcast von Elias Natmessnig: „Gäste essen nachher nicht das Doppelte” / BDO-Chef Winter über die Sorgen der Gastronomie und andere wichtige Wirtschaftszweige, die von den Corona-Maßnahmen betroffen sind.

https://kurier.at/podcasts/daily/podcast-gaeste-essen-nachher-nicht-das-doppelte/400802702

Transkription: Dr. Christine Domforth


@Karl Michalski und Vanessa Hartmann-Gnong