Wohin mit der HV?

Wohin mit der HV?

Last Updated on 2022-01-13
Nicht nur der Klimaschutz spricht dagegen, nach Corona wieder zur Präsenz-HV zurückzukehren. Gerade für Jüngere sind virtuelle Hauptversammlungen viel attraktiver.

Mag. Manfred Kainz

Heuer gehen wir in das dritte Jahr, in dem rein virtuelle Hauptversammlungen erlaubt sind; in Österreich auf Basis des sogenannten Gesellschaftsrechtlichen COVID-19-Gesetzes, das schon zweimal verlängert worden ist, und der dazu gehörigen Gesellschaftsrechtlichen COVID-19 Verordnung von Justizministerin Alma Zadic. In den Pandemiejahren 2020 und 2021 sind die virtuellen HVs der börsenotierten AGs im Großen und Ganzen recht gut abgelaufen; größere organisatorische oder technische Probleme, die manche vorher befürchtet hatten, blieben erfreulicherweise aus. Bis Ende Juni 2022 darf es laut dem verlängerten Gesetz so weitergehen – und wird es angesichts von Omikron (und wer weiß, was noch kommt) wohl auch.

Was soll kommen?

Das führt zur Frage, wie man post-pandemisch vorgehen soll. Da ist die Meinungspalette noch bunt. Die einen wollen dann zurück zur traditionellen reinen Präsenz-HV, andere sehen in der digitalen HV die Zukunft, da sie sich ja bewährt habe. Und der Mittelweg, eine „hybride“ HV, findet auch viele Anhänger. Die würde Gutes von Präsenz und Digital kombinieren. Wer wieder physisch teilnehmen will, könnte das weiterhin tun. Und wer möchte, vielleicht weil er es in den vergangenen zwei Jahren ausprobiert hat, könnte virtuell dazugeschaltet dabei sein. Das wäre zum einen eine Möglichkeit, viel mehr Privatanleger zum Aktionärstum zu bringen. Denn in Präsenzzeiten waren die Aktionärsrechte – Rederecht, Frage- & Auskunftsrecht, Antragsrecht, Abstimmungsrecht, Widerspruchsrecht – bei der Hauptversammlung für viele „totes“ Recht, wenn man nicht selbst dort sein konnte. Ja, man konnte einen Vertreter beauftragen und Briefwahl machen, aber das ist nicht dasselbe.

Zwei Argumente

Zum anderen sprechen zwei weitere Argumente dafür, digital „live“ dabei zu sein:

  1. Wir reden alle von Nachhaltigkeit und ESG. Wenn nicht mehr alle interessierten Aktionäre physisch zum HV-Ort fahren müssen (und retour), kommen schon ordentlich Kilometer zusammen, die im Verkehr wegfallen. Das freut den CO2– „Fußabdruck“ (es fahren ja nicht alle mit Rad und Zug) und somit die Umwelt und das Klima. Da reden wir bei zig AGs und zigtausenden Aktionären allein in Österreich von einer wohl beeindruckenden Zahl an eingesparten Verkehrskilometern. Und wie wäre das erst in großen Ländern mit weit mehr AGs und Aktionären?
  2. Mit der virtuellen Fernteilnahme könnte man außerdem auch Menschen dabeihaben, die mobilitätseingeschränkt sind: Alte, Gebrechliche oder leicht Erkrankte. Auch jüngere Generationen, die man ja als (kritische) Aktionäre gewinnen will, gehen wohl lieber in den virtuellen Raum als in einen Saal weit entfernt. Virtuell an einer spannenden HV teilzunehmen, kann Teil des Unterrichts sein, Stichwort: gelebte Wirtschafts- und Finanzbildung. Ist mit modernen Lehrern schon passiert und gut angenommen worden, weiß der Autor dieser Zeilen aus der Praxis und aus dem Bildungsministerium.

In Spanien, so hört man, haben sich digitale HVs schon vor der Pandemie bewährt. In Australien, wohl wegen der dortigen Entfernungen, angeblich auch. Spätestens wenn hierzulande die Covid-Sonderregeln auslaufen (und vielleicht wieder verlängert werden müssen), sollten wir über Vor- und Nachteile der HV-Formen diskutieren…