Warum sich Klimaschutz rechnet

Warum sich Klimaschutz rechnet

Last Updated on 2022-03-18
Die globale Erwärmung bedroht nicht nur die Menschen, sie verursacht auch immer mehr Schäden – vor allem durch extreme Wettereignisse. Klimaschutz ist daher auch ein enormer Wirtschaftsfaktor, betonte DI Dr. Susanne Formanek von der Initiative GRÜNSTATTGRAU bei einem Vortrag bei der ARGE Wirtschaftsfrauen.

„Innovationen für die grüne Stadt“: Das war Thema eines Vortrags von DI Dr. Susanne Formanek am 9. März 2022 für die ARGE Wirtschaftsfrauen, einem seit über 25 Jahren bestehenden unabhängigen Frauennetzwerk zur Förderung der Zusammenarbeit von Frauen im Berufsleben. Formanek ist Absolventin der Universität für Bodenkultur in Wien und Mitbegründerin des Forschungs- und Innovationslabors GRÜNSTATTGRAU. Die rund 20 Damen, darunter einige Gäste, trafen einander im kwartier15 von INARA-Geschäftsführerin Dr. Brigitta Schwarzer im 15. Bezirk in Wien. Begrüßt wurden sie von Schwarzer und Obfrau Jutta Haidacher-Cyganek.

Formanek, die sich seit langem mit dem Klimafragen beschäftigt und bereits rund 100 Projekte umgesetzt hat, verwies zunächst darauf, dass sich der Klimawandel beschleunigt. Es drohe eine Erwärmung um bis zu fünf Grad Celsius. Extreme Wetterereignisse wie Starkregen, Hagel, Dürre und Überschwemmungen, die riesige Schäden verursachen können, werden künftig häufiger auftreten.

Immer mehr Hitzetote

Während vor einigen Jahrzehnten Schulkinder und Büroangestellte bei 30 Grad bereits Hitzeferien bekamen, gibt es heute immer mehr Hitzetage mit Temperaturen weit über 35 Grad. Und seit 2010 sind in Österreich in manchen Jahren mehr Menschen durch Hitze gestorben als durch Verkehrsunfälle, so Formanek. Experten haben errechnet, dass eine Erhöhung der Sommertemperaturen um bloß zwei Grad die Zahl der Hitzetoten – darunter vor allem Ältere sowie Personen mit Vorerkrankungen – um 50 Prozent steigen lässt.

Von der globalen Erwärmung besonders betroffen sind natürlich Städte, die sich im Sommer immer stärker aufheizen. „Aber auch in den Gebirgszonen kommt es zu Veränderungen,“ betonte Formanek. Konkret verlagern sich die Vegetationszonen, Biodiversität und Artenvielfalt leiden massiv. Der Temperaturanstieg falle in den Bergregionen stärker aus als im europäischen Durchschnitt, das Niederschlagsmuster verändere sich und es falle immer weniger Niederschlag als Schnee. Den heimischen Wintersportregionen wird dadurch mittelfristig die Existenzgrundlage entzogen.

Bevölkerung muss eingebunden werden

Formanek hält es für wichtig, dass beim Klimaschutz Wissenschaft und Politik zusammenarbeiten. Mit Hilfe von Forschungsgeldern können Projekte auf die Beine gestellt werden, die beweisen, dass es funktioniert. Die Bevölkerung muss von Anfang an eingebunden werden, nur dann werden die Maßnahmen auch akzeptiert werden.

Unsere Gebäude seien nicht für längere Hitzeperioden gebaut, betonte Formanek. In den Städten kommt es zum Hitzeinseleffekt, der durch versiegelte Oberflächen, die die Wärme speichern sowie eine mangelnde Durchlüftung entsteht. Änderungen seien etwa bei der Bauweise denkbar, so könnte man den Wind besser zur Kühlung nutzen.

Begrünte Bauwerke helfen

Die Initiative GRÜNSTATTGRAU beschäftigt sich seit mehreren Jahren schwerpunktmäßig mit der Begrünung von Bauwerken. Formanek zitierte eine Umfrage, wonach neun von zehn ÖsterreicherInnen der Bauwerksbegrünung positiv gegenüberstehen. Die Argumente sind einleuchtend: das Mikroklima verbessert sich, vor allem im Sommer, die Pflanzen sorgen für einen Schutz vor Starkregen, helfen Energie sparen und sorgen durch die Verdunstung für einen Kühleffekt. Mehr Sauerstoff und weniger Staub sind weitere positive Auswirkungen.

Begrünt werden können Hausfassaden, (Flach)Dächer sowie Innenhöfe. Wichtig sei es, die Begrünung an das jeweilige Objekt anzupassen, die richtigen Pflanzen auszuwählen und deren Pflege sicherzustellen. In Österreich ist derzeit erst jedes zehnte Flachdach begrünt. „Würden wir es schaffen, jedes zweite zu begrünen, gäbe es 33.000 zusätzlich Jobs“, erläutert Formanek. Derzeit sind in diesem Bereich 550 Unternehmen mit rund 1.200 Mitarbeitern tätig, der Markt hat ein Umsatzvolumen von rund 100 Millionen Euro p.a., das Wachstum betrug zuletzt neun Prozent jährlich. „Die Begrünung ist längst nicht mehr nur nice to have,“ betonte Formanek, sie sollte künftig auch in den verpflichtenden Energieausweis aufgenommen werden, um Synergien zu nützen. Besonders clever und technisch machbar ist eine Kombination von Photovoltaik mit Dachbegrünung.

Neue Businessmodelle, neue Berufsbilder

Der Klimawandel bzw. die dagegen ergriffenen Maßnahmen seien ein enormer Wirtschaftsfaktor, betonte die Expertin. Schäden werden verringert oder im besten Fall verhindert und es entstehen eine breite Wertschöpfungskette, neue Businessmodelle sowie neue Berufsbilder mit enormem Zukunftspotenzial. Ein Beispiel wären etwa Klimagärtner, die sich von Beginn an um Begrünungen und deren Pflege kümmern. Schon heute beschäftigen sich viele Startups mit innovativen Ansätzen zum Klimaschutz. Probleme machen dabei immer wieder die gewachsenen Strukturen, konkret ein Dschungel aus neun unterschiedlichen Bauordnungen in den Bundesländern sowie diversen Richtlinien, Normen und Gesetzen.

Neben einer Bepflanzung von Hausfassaden und Dächern gibt es weitere Möglichkeiten Räume im Sommer kühl zu halten. Klimaanlagen sind laut Formanek der falsche Ansatz. Sie verbrauchen nicht nur viel Energie, sondern heizen durch ihre Abluft die Umgebung weiter auf – ein Teufelskreis. Relativ angenehm ist es in Altbauten, deren dicke Mauern einen gewissen Schutz vor der Sommerhitze bieten. Bei langdauernden Hitzeperioden heizen sich allerdings auch dicke Wände langsam auf, die Wärme wird gespeichert, sodass dadurch die Abkühlung in der Nacht abnimmt.

Was die Zukunft bringen könnte

In Österreich gibt es derzeit keine Wasserknappheit auf breiter Front. Schreitet die Klimaerwärmung weiter voran, könnte sich das ändern. Schon heute ist der Grundwasserspiegel in manchen Gegenden massiv gesunken. Ein professionelles Wassermanagement wird daher künftig nötig sein – nicht nur für die hoffentlich immer zahlreicher werdenden begrünten Dächer und Hausfassaden, meint Formanek. Toiletten sollten nicht mit Trinkwasser gespült werden, das „Grauwasser“, das beim Duschen, Baden und Wäschewaschen anfällt, ist zur Bewässerung geeignet.

Denkbar wäre künftig auch ein breiterer Einsatz der Aquaponik. Dabei handelt es sich um eine kombinierte Aufzucht von Fischen und Pflanzen in einem Kreislaufsystem. Das funktioniert gut, wird derzeit aber nur in wenigen Versuchsanlagen umgesetzt.

Formanek wagte schließlich noch einen Blick in die Zukunft. Mit Vertical farming wäre es möglich, auch in dicht verbauten Gebieten Nahrungsmittel zu produzieren. Das könnte den Flächenverbrauch reduzieren und wäre besonders energieeffizient, weil die Produkte nicht über weite Strecken zu den Konsumenten transportiert werden müssten.

Pflanzen gegen den Klimawandel

www.gruenstattgrau.at

www.arge-wirtschaftsfrauen.org